Der Zauber herzlicher Gastlichkeit in Tunesien

von Navina Engelage

Kennen Sie das? Es klingelt überraschend an der Haustür, dabei erwarten Sie gar keinen Besuch. Ich gebe zu, dass ich zu jenen Menschen gehöre, die ans Fenster gehen und kurz nachschauen, wer vor der Tür steht, bevor sie öffnen. Meine Familie und Freund*innen wissen mittlerweile, dass es angenehmer ist, vor einem Besuch bei mir kurz anzurufen. Schließlich bin ich viel unterwegs: Keine*r will vor verschlossener Tür stehen; und ich schätze auch eine gewisse Vorbereitungszeit für Besuche.  Zugegebenermaßen geht dabei ein wenig die Spontaneität verloren.

Als ich zum ersten Mal den deutsch-tunesischen Jugendaustausch leitete, habe ich in Hammam Sousse eine ganz andere Erfahrung machen dürfen: Ich wurde jederzeit herzlich willkommen geheißen und ganz spontan eingeladen. Gern erinnere ich mich an die Hochzeit von Meriams Cousine. Sie lud uns ohne Umschweife zur Henna-Nacht am Abend vor ihrer Trauung ein. Gefeiert wurde mit vielen Verwandten, Freund*innen und Nachbar*innen vor dem Haus der Familie. Was für ein großes Fest mit Musik und Tanz! Als unser deutsch-tunesisches Grüppchen am späteren Abend aufschlug, war die Feier schon im vollen Gange. Prompt reichten mir völlig Fremde kalte Getränke, schmackhafte Oliven und kleine Häppchen. Man rückte ein wenig enger zusammen und besorgte uns schnell noch ein paar Sitzgelegenheiten aus der Nachbarschaft.

Tags darauf  besuchten wir die Familien der tunesischen Teilnehmer*innen. Hamed hatte uns zum Mittagessen in sein Zuhause einladen. Spontan regte er noch an, vor dem Essen bei seiner Großmutter vorbeizuschauen, die in der Nähe wohnte. Unvorbereitet standen wir vor ihrer Tür, Hamed klopfte. Ich dachte noch „hoffentlich stören wir die alte Dame nicht“ als sie schon strahlend vor uns stand. Sie freute sich über den unverhofften Besuch und interessierte sich sehr für die neuen Bekannten ihres Enkels. Den ganzen Vormittag lang saßen wir in ihrem kleinen, gemütlichen Wohnzimmer zusammen, tranken selbstgemachte Limo und blätterten im alten Familienalbum. Als sie uns ihr Hochzeitskleid zeigte und es einer Teilnehmerin von uns anlegte, waren wir alle gerührt.

Seit ein paar Monaten plane ich nun mit unserer tunesischen Partnerorganisation ATACJL und deren Leiter Chokri Jegham das nächste Austauschprogramm. Im Winter hatten wir uns auf einen neuen Termin im Sommer verständigt. Im letzten Moment fiel ihm auf, dass während unseres Aufenthalts in Hammam Sousse das islamische Opferfest beginnt. Ich machte mich schon auf eine weitere Termindiskussion gefasst, als Chokri schrieb: „Dann verbringt ihr halt den ersten Tag des Opferfestes in den tunesischen Familien. Kein Problem!“ Ich freue mich schon sehr auf diese neue Erfahrung.

Apropos. Inzwischen finde ich es gar nicht mehr so schlimm, wenn spontaner Besuch bei mir vorbeikommt und mein Wohnzimmer gerade nicht aufgeräumt ist. Kaffee und Tee habe ich schließlich immer da.

Navina Engelage ist wissenschaftlich-pädagogische Mitarbeiterin im GESW. Sie organisiert federführend diesen Austausch des GESW, der im Rahmen der deutsch-tunesischen Transformationspartnerschaft vom Auswärtigen Amt gefördert wird. Informationen zum diesjährigen Programm gibt es hier.

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