Erinnerung ohne Kontext

von Mariella Gronenthal

Nirgendwo in Deutschland ist Geschichte so allgegenwärtig wie in Berlin. Insbesondere in Mitte fällt man von einer Epoche in die nächste – Preußen ist dort ebenso präsent wie das Kaiserreich, der Nationalsozialismus ebenso wie die deutsche Teilung. Offensichtlich historische Bauwerke wie das Brandenburger Tor, Gedenkorte wie die Neue Wache oder subtile Stolpersteine wie der Pflasterstreifen auf der Straße, der den Mauerverlauf anzeigt – es gibt unterschiedliche Arten, auf die Besucher*innen der Hauptstadt die Vergangenheit vor Augen geführt werden.

Verlässt man das Zentrum Berlins, so werden diese wortwörtlichen Erinnerungsorte nicht weniger – aber die Aufmerksamkeit, die ihnen von touristischer Seite zukommt, nimmt deutlich ab. Zu den faszinierendsten Denkmälern in Berlin gehört für mich das Ernst-Thälmann-Denkmal im gleichnamigen Park in Prenzlauer Berg zwischen Danziger und Greifswalder Straße. Unverhohlen strahlt es in schönstem Sozialistischen Realismus. Stolz weht die Standarte, Thälmann reckt die Faust, und an der Seite steht in Großbuchstaben „ROT FRONT“. Im Hintergrund erheben sich Plattenbauten. Der Sockel ist mit Graffiti beschmiert, eine Brechung in dieser ungestörten DDR-Ästhetik. Keine Infotafel, keine Plakette kontextualisieren diese Erscheinung, die doch so ganz sozialistischer Propaganda verschrieben war, als sie in den 1980er Jahren entstand. Dass Thälmann hier weiter unter Hammel und Sichel in die Ferne starrt, amüsiert mich. Ich gehöre aber auch zu denen, die das Denkmal sofort historisch verorten können und seine Botschaft entschlüsseln und relativieren.

Die gleiche Situation ergibt sich im Treptower Park am Sowjetischen Ehrenmal. Auch hier werden Standarten mit Stein imitiert, auf denen die Symbole des Kommunismus zu sehen sind. Die Gedenkstätte ist gleichzeitig ein Soldatenfriedhof und an Bombastik kaum zu überbieten. Sechzehn weiße Sarkophage sind geziert von Zitaten Stalins, die Hälfte auf Deutsch, die andere auf Russisch. Was dort zu lesen ist, bedarf dringend einer Einordnung in das Zeitgeschehen. Die wenigen Infotafeln am Eingang der Anlage gehen jedoch in der Weitläufigkeit völlig unter. Es ist nicht davon auszugehen, dass viele Besucher*innen sich klar machen, wo sie da herumlaufen, welche Bedeutung der Ort hatte, als er schon 1949 fertiggestellt wurde, und wie dies heute im Geschichtsbild der Bundesrepublik beurteilt wird.

Dass diese Orte existieren, ist ungemein wertvoll. Dass sie so unverändert bestehen geblieben sind, ist vielleicht ein kleines Wunder. Wie sie jedoch für Besucher*innen so zugänglich gemacht werden können, dass sie in ihrer historischen Bedeutung besser verstanden und erkannt werden, ist eine Frage, die derzeit noch offen bleibt.

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