Im Osten viel Neues!?

Grenznahe Regionen in Deutschland profitieren gewaltig von der EU-Osterweiterung!
von Dr. Gerhard Schüsselbauer

Mai 2004 – sorgenvolle deutsche Politiker, die zumeist nur wenig Ahnung von volkswirtschaftlichen Zusammenhängen haben, starren auf das Datum, das für eine bedrohliche Zeitenwende stehen könnte. Ängste werden geschürt, dass eine nie dagewesene Deindustrialisierung gerade in den grenznahen Räumen Deutschlands einsetzen würde. Neben Lohndumping würde es eine regelrechte Überschwemmung durch Arbeitskräfte und Dienstleitungen aus den Ländern des östlichen Mitteleuropas, die die meisten immer noch mit Ostblock oder zumindest pauschal mit Osteuropa abstempeln, geben. Ausgelöst würde diese schockierende Entwicklung durch eine dramatische Abwanderung von Investitionen in die neuen Länder der Europäischen Union. Damit blieben keine Finanzmittel mehr für den Aufbau von zukunftsfähigen Industrien in Räumen, die früher als Zonenrandgebiete bezeichnet wurden. Die Folgen wären eine sprunghaft angestiegene Arbeitslosigkeit und Entvölkerung dieser Regionen.

Stilisierte Figur eines klassischen Industriearbeiters, sozialistischer Realismus, Plac Konstytucji, Warszawa/Warschau
Stilisierte Figur eines klassischen Industriearbeiters, sozialistischer Realismus, Plac Konstytucji, Warszawa/Warschau

Herbst 2017 – die volkswirtschaftliche Realität sieht völlig anders aus, als in den alptraumhaften Szenarien von 2004 beschrieben, denn der ökonomische Befund spricht eine gänzlich andere Sprache. Die EU-Osterweiterung wirkt geradezu wie eine Frischzellenkur für Industrien und vor allem klein- und mittelständische Unternehmen. Durch die gestiegene internationale Arbeitsteilung, die Verringerung der Kluft im Pro-Kopf-Einkommen in Ostmitteleuropa im Vergleich zum EU-Durchschnitt sowie durch die deutlich verbesserte Wettbewerbsfähigkeit und durch technologische Innovationen gelang es grenznahen Räumen wie Ostbayern, die Arbeitslosigkeit rapide auf historische Tiefststände zu senken. Gerade in dieser Region verbergen sich viele sogenannte „Hidden Champions“, die mit innovativen Industrieprodukten in einem atomistischen Entdeckungsverfahren, ganz im Sinne des Nobelpreisträgers Friedrich August von Hayek, Marktlücken ausfüllen und mit technologieintensiven Produktionsweisen auf dem EU-Binnenmarkt sowie dem Weltmarkt erfolgreich sind. Integration im Binnenmarkt und wirtschaftsgeographische Standortvorteile führen zum Ausnutzen von komparativen Wettbewerbsvorteilen in globalisierten Volkswirtschaften, in denen es vor allem sowohl auf die regionalen Vorzüge, Vernetzungen und industriellen Traditionen ankommt als auch auf Innovationsgeist und unternehmerische und organisatorische Kreativität.

Eine Studie der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) bestätigt nun, was Ökonomen schon längst vermuteten: Der Beschäftigungszuwachs im verarbeitenden Gewerbe sowie in gewerbenahen Dienstleistungen in grenznahen Regionen ist vor allem durch eine Vielzahl von volkswirtschaftlichen Effekten bedingt. Ergänzende, komplementäre Produktionsketten überwiegen hier eindeutig vor der Verlagerung von Fertigung ins nahe Ausland. Kapital- und technologieintensive Produktionsweisen, insbesondere in mittelständischen Unternehmen, im Austausch mit kostengünstigerer Fertigung von Vor- und Halbprodukten ermöglichen eine deutlich gestiegene strategische Wettbewerbsfähigkeit im Herzen Europas. „Geography matters!“ – diesen Ursatz der Wirtschaftsgeographie möchte man nun den ewig gestrigen Politikern um die Ohren schlagen. Hinzu kommt noch die bedeutsame Entwicklung des Nachfragepotenzials unserer östlichen Nachbarländer. Eine aufholende wirtschaftliche Entwicklung ist vor allem auch durch einen Anstieg der Realeinkommen gekennzeichnet, sodass nicht nur die Nachfrage nach (deutschen) Investitions-, sondern auch Konsumgütern steigt.

Den Panikmachern zu Beginn der großen EU-Osterweiterung im Jahr 2004 kann man entgegenhalten, dass nichts von den Befürchtungen eingetreten ist, im Gegenteil, ehemals periphere Regionen und Räume haben sich zu Clustern der klein- und mittelständischen Innovation mit hoher Arbeitskräftenachfrage nach Fachpersonal entwickelt. Nicht selten werden diese Fachkräfte aus ostmitteleuropäischen Ländern „importiert“, was dort zum bekannten Braindrain-Effekt führt. In einem dynamischen EU-ropa und im EU-Binnenmarkt sind das jedoch Effekte, die insbesondere jüngeren, mobilen Arbeitskräften entgegenkommen.

Dr. Gerhard Schüsselbauer ist Institutsleiter und wissenschaftlich-pädagogischer Mitarbeiter am GESW.

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