Salamitaktik und Hoffnung

Dr. Zbigniew Wilkiewicz

Ja, nun ist es offensichtlich, da helfen weder die „freiwilligen“ noch die gut bezahlten Profis von Kadyrow und Wagner. Erstere haben schon zu Beginn des Krieges hohe Verluste hinnehmen müssen, letztere füllen ihre Reihen mit Hilfe von „Putins Koch“ seit Wochen mit Schwerkriminellen auf, denen für den halbjährigen Einsatz an der Front viel Geld und die Freiheit versprochen wird.

Nicht zuletzt die Tatsache, dass bei der jüngsten ukrainischen Offensive russische Eliteeinheiten dezimiert und in die Flucht geschlagen wurden, muss die Kreml-Führung bewogen haben, nun zum höchst unpopulären Mittel der Teilmobilisierung gegriffen zu haben. Hatten wir zuvor eine schleichende, nur schlecht maskierte Mobilisierung, die aber nicht das Kernland Russlands und die Russen/innen betraf und bei der in den besetzten ukrainischen Gebieten und in den „Volksrepubliken“ widerrechtlich zwangsausgehoben wurde, so spricht man nun von „Teilmobilisierung“ und bringt die Zahl von 300.000 Reservisten ins Spiel. Diese soll für eine Teilberuhigung der mittlerweile unruhiger werdenden Moskowiter und Petersburger sorgen. Denn noch kann man sich damit trösten, dass es vielleicht nicht einen selbst, nicht den Bruder, Ehemann oder Vater trifft, sondern vielleicht „nur“ den Nachbarn oder einen Bekannten.

Allerdings gibt man sich auch in Russland nicht der Illusion hin, dass es bei diesen 300.000 bleiben wird. Das wissen all jene Russen/innen, die sich mittlerweile seit Monaten im Ausland befinden, aber auch diejenigen, die mehr oder minder erfolgreich mit dem Flugzeug oder dem eigenen PKW ins Ausland fliehen wollen. Dass die baltischen Staaten verkündet haben, dass es keine Einreise russischer Flüchtlinge geben wird, ist nachvollziehbar. Dies ist nicht nur eine Folge der bitteren historischen Erfahrungen mit der russischen „Schutzmacht“, sondern auch die berechtigte Sorge vor einer weiteren Infiltration der baltischen Staaten durch Angehörige russischer Dienste. Dass sich der scheidende ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, gegen eine Aufnahme russischer Flüchtlinge ausspricht, ist aus seiner Sicht ebenfalls nachvollziehbar. All diejenigen, die sich auf den Weg gemacht haben und noch machen werden, sind potentielle Putin-Gegner und könnten eine zukünftige Zivilgesellschaft, zumindest aber die Opposition im Lande stärken, anstatt das Land dem totalen Terror zu überlassen.

Allein wer kann es diesen Menschen verdenken, dass sie aus einer sich immer wilder gebärenden Diktatur fliehen wollen, in der junge Frauen und Männer auf offener Straße dafür niedergeknüppelt und in Gewahrsam genommen werden, dass sie „Nein zum Krieg!“ skandieren. Aufgrund der bitteren Erfahrungen mit der auch in Deutschland noch immer sehr starken „Putin-Lobby“ und mit den Aktivitäten russischer Dienste, deren Operationen nur sehr unzureichend eingeengt wurden, ist aber bei der Aufnahme aus Russland einreisender Personen wohl besondere Vorsicht geboten. Das weiß man außer in den baltischen Staaten auch in Polen und in Finnland nur zu gut.

Außer der Flucht aus der nun im Krieg mit der „gesamten westlichen Welt“ stehenden Heimat, kann man als demnächst russischer Zwangseinberufener noch versuchen, sich selbst zu verstümmeln, wie üblich Ärzte zu bestechen oder in die Ukraine zu desertieren, wozu der ukrainische Präsident Selenskyj die russischen zwangsausgehobenen Kämpfer aufgerufen hat. Sprachprobleme hätten sie in ihrem Bruderland keine, an die Front müssten sie nicht, vielmehrt könnten sie sich als ausgewiesene Putin-Gegner im wahrsten Sinne des Wortes als Brückenbauer beim Wiederaufbau der durch den russischen Vernichtungskrieg in Teilen zerstörten Ukraine beteiligen.

Aber was wird Putins Salamitaktik voraussichtlich bringen? Soeben hat das Regime ausgetestet, wie stark der Widerstandswille der dezimierten russischen Zivilgesellschaft ist. Mit dem Ergebnis kann Putin durchaus zufrieden sein. In etlichen russischen Großstädten sind mutige Frauen und Männer auf die Straße gegangen, etwa 1.300 davon wurden zusammengeprügelt und vorläufig festgenommen. Ein entschiedener, machtvoller Massenprotest ist das noch lange nicht. Insofern ist der heutige Kommentar der russischen Historikerin und verdienten Kämpferin für Menschenrechte, Irina Scherbakowa, die von einer „Wende innerhalb der russischen Gesellschaft “spricht, wohl eher durch Hoffnung als durch harte Fakten gedeckt. Was aber wären wir alle ohne das Prinzip Hoffnung? Die große ukrainische Nationaldichterin Lesja Ukrainka (1871-1913) hat das in ihrem in der Ukraine überaus populären „Contra spem spero“ (Gegen die Hoffnung hoffe ich) betitelten Gedicht so ausgedrückt:

„Ja! Durch Tränen werde ich lachen,

Lieder singen inmitten von Pein.

Ohne Hoffnung werd‘ ich doch hoffen,

Ich werde leben! Lass Kummer nicht sein!

Ob aber Putins Salamitaktik, bei der es demnächst wohl zu einer weiteren schleichenden, noch größeren „Teilmobilisierung“ (also Generalmobilmachung) mit entsprechenden Zwangsaushebungen kommt, Erfolg beschieden sein wird, ist angesichts des desaströsen Zustands der russischen Armeeführung und ihrer demoralisierten Mannschaften unwahrscheinlich. Ein Übergehen von Quantität zu Qualität, zumal durch blanken Terror erzwungen, scheint fraglich. Und ob die Russinnen und Russen, die bislang wenig Interesse am Schicksal der vielen, zumeist nicht aus Kernrussland stammenden freiwilligen Vertragssoldaten in diesem Krieg gezeigt haben, dann auch noch so „ruhig“ bleiben wie bisher, dürfte angesichts wahrscheinlich hoher Gefallenenzahlen noch fraglicher sein.

Dann könnte das eintreten, wovon Scherbakowa jüngst gesprochen hat: ein landesweiter Protest in Russland und an den Rändern des Imperiums, mit entsprechenden Folgen für Putin und seine Gefolgsleute. Man denke nur an die mutigen Stadtverordneten aus Moskau und St. Petersburg, die Putin Unfähigkeit vorwarfen und seinen Rücktritt forderten. Auch die offenen Worte der allseits beliebten und geschätzten Pop-Ikone Alla Pugatschowa, die in Russland millionenfach zur Kenntnis genommen wurden, dürften ihre Wirkung nicht verfehlt haben, zumal bei den russischen Müttern…

Wie auch immer, die Ukrainer/innen haben aktuell allen Grund von einem verzweifelten „sperare contra spem“ zu einem verhaltenen „Nil desperandum“ (Nichts zum Verzweifeln) überzugehen. Dafür brauchen sie aber außer ihrem Mut, ihrer Entschlossenheit und ihrem „unzerstörbaren Humor“ (Oksana Stavrou: Der Humor der Ukrainer ist unschlagbar. In: FAZ, 15.09.2022, S.15) eine noch entschiedenere Unterstützung des Westens, und neben feierlichen Zusagen und „standing ovations“ für ihren Präsidenten möglichst bald weitere „schwere“ Waffen, natürlich auch aus Deutschland!

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