{"id":4301,"date":"2023-04-14T09:15:01","date_gmt":"2023-04-14T07:15:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gesw.de\/?p=4301"},"modified":"2023-04-14T09:17:12","modified_gmt":"2023-04-14T07:17:12","slug":"nie-wieder-westsplaining","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gesw.de\/index.php\/2023\/04\/14\/nie-wieder-westsplaining\/","title":{"rendered":"Nie wieder Westsplaining?"},"content":{"rendered":"\n<p>Dr. Zbigniew Wilkiewicz<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der edition. Foto TAPETA ist k\u00fcrzlich ein Buch erschienen, das von den Slawistinnen Aleksandra Konarzewska, Schamma Schahadt und Nina Weller herausgegeben wurde. Der auf den ersten Blick etwas sperrig wirkende Titel und Untertitel \u201eAlles ist teurer als ukrainisches Leben. Texte \u00fcber Westsplaining und den Krieg.\u201c verdeutlichen nach kurzer Reflexion recht eindrucksvoll, worum es in diesem vorz\u00fcglich edierten und auch f\u00fcr Nichtfachleute gut lesbaren Sammelband geht: um die Problematik einer weit verbreiteten Ignoranz und Besserwisserei zahlreicher westeurop\u00e4ischer und amerikanischer Intellektueller, darunter auch etlicher deutscher Ost- und Friedensexperten\/innen, ganz zu schweigen von den bekennenden Russland- und Putin-Bef\u00fcrwortern aus Politik und Wirtschaft, gegen\u00fcber Ukrainern und Ostmitteleurop\u00e4ern, deren Argumente und Bef\u00fcrchtungen im Hinblick auf ein sich seit zwei Jahrzehnten immer aggressiver und bedrohlicher geb\u00e4rdendes Russland nicht ernst genommen oder heruntergespielt wurden.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Au\u00dfer der konzisen Einleitung, in der die Entstehungsgeschichte und der Anspruch dieses Sammelbandes referiert werden, besteht das Buch aus insgesamt 35 Texten, die nach Erscheinungsdatum chronologisch (M\u00e4rz bis Dezember 2022) geordnet sind und die von ukrainischen, deutschen, polnischen, belorussischen und russischen, aber auch von einigen englischsprachigen Autoren\/innen (u.a. Marci Sore, Timothy Snyder) beigesteuert wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Vertreten sind neben Slawisten\/innen, Osteuropahistorikern\/innen und \u00dcbersetzern\/innen auch Filmemacher\/innen, Publizisten\/innen und K\u00fcnstler\/innen. Aber auch einige namhafte Schriftsteller\/innen, die sich besonders in den ersten Monaten des seit dem 24. Februar 2022 in der Ukraine w\u00fctenden russischen Vernichtungskriegs in deutschsprachigen Medien (FAZ, NZZ) oder in englischsprachigen Zeitschriften zu Wort gemeldet haben. Etwa Oksana Sabuschko, Szczepan Twardoch oder Serhij Zhadan, die sich inzwischen auch in Deutschland einer gewissen Bekanntheit erfreuen, auch deshalb, weil sie sehr dezidiert und mit unverh\u00fcllter Entr\u00fcstung und Wut auf den russischen Vernichtungskrieg reagiert haben. In ihren Texten zur russischen Kultur verweisen sie auf das ihr inh\u00e4rente notorisch imperiale und koloniale Gro\u00dfmachtstreben und decken explizit entsprechende Traditionslinien von Puschkin \u00fcber Dostojewski und Tolstoj bis hin zur Sowjetliteratur und solchen im Westen gefeierten Dissidenten wie Solschenizyn und Brodskij auf. Ein Thema, das in der westlichen Slawistik und Literaturwissenschaft im Unterschied zu den Forschungen ostmitteleurop\u00e4ischer Wissenschaftler\/innen kaum behandelt wurde, aber gerade jetzt immer mehr an Bedeutung gewinnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Hinblick auf Osteuropa nahm man im Westen \u2013 besonders in Deutschland \u2013 in Wissenschaft (Ostslawistik, Osteuropakunde mit eindeutigem Schwerpunkt Russland), Wirtschaft (Nord Stream I und langes Festhalten an Nord Stream II) und Politik (Deutscher Sonderweg, mit dem bis kurz vor Kriegsausbruch gepflegten Mythos vom \u201eWandel durch Verflechtung\u201c und einer vermeintlichen \u201eModernisierungspartnerschaft\u201c) eine fast ausschlie\u00dflich um Russland bem\u00fchte Haltung ein. Hingegen spielten die ukrainische Geschichte und Kultur eine \u00e4hnlich untergeordnete Rolle wie die der Esten, Letten, Litauer, Kroaten, Serben, Polen, Tschechen, Slowaken, Rum\u00e4nen und Ungarn. Auch der Entwicklung der ukrainischen Zivilgesellschaft in Richtung EU sowie ihre dramatischen Emanzipationsversuche von Russland (Orangene Revolution, Majdan) sowie dem seit 2014 anhaltenden Krieg in der Ostukraine wurde nach erster medialer Aufregung und anschlie\u00dfender politischer Beschwichtigung relativ wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Es \u00fcberwogen Stereotype, in denen gerne auf den in der Ukraine angeblich grassierenden Nationalismus und eine \u00fcberbordende Korruption abgehoben wurde. Nicht selten folgte man auch der von Russland breit lancierten Narration von der Nicht-Existenz eines eigenst\u00e4ndigen ukrainischen Volkes und Staates.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erinnerung an den Hitler-Stalin-Pakt, an die v\u00f6lkerm\u00f6rderischen NS- und Sowjet-Okkupationen sowie die nach der Friedensordnung von Jalta Jahrzehnte w\u00e4hrende Unterdr\u00fcckung durch die Sowjetunion ist in der Ukraine und in Ostmitteleuropa indessen besonders wach geblieben. Und selbst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und den Mitgliedschaften in EU und NATO f\u00fchlte man sich durch den russischen Revisionismus bedroht und blieb das Trauma eines Zusammengehens Deutschlands und Russlands auf Kosten Ostmitteleuropas unvergessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies kommt auch im Beitrag der mittlerweile in Deutschland lebenden ukrainischen Schriftstellerin Kateryna Mishchenko zum Ausdruck, auf den der Titel dieser Aufsatzsammlung \u201eAlles ist teurer als ukrainisches Leben\u201c zur\u00fcckgeht: In ihrem Ende Mai 2022 ver\u00f6ffentlichten Artikel stellt sie mit Bitterkeit fest: \u201eIrgendwie ist alles teurer als ukrainische(s) Leben. Irgendwie darf die Ukraine nicht gewinnen, auch wenn es nicht laut ausgesprochen wird.\u201c (S.11) Ihre Entt\u00e4uschung \u00fcber die z\u00f6gerliche Haltung des Westens (vor allem Deutschlands), bei der Unterst\u00fctzung der Ukraine in ihrem legitimen \u00dcberlebenskampf, spiegelt indes das Unverst\u00e4ndnis der meisten in diesem Band versammelten Autoren\/innen wider, die durchweg auf eine st\u00e4rkere Sanktionierung und \u00c4chtung Russlands pochen. Eines Russlands, das in der Ukraine unverhohlen und zynisch Menschenrechte verletzt und das V\u00f6lkerrecht mit F\u00fc\u00dfen tritt. Demgem\u00e4\u00df misst man den lange abw\u00e4genden und z\u00f6gerlich wirkenden Westen an seinen eigenen Wertevorstellungen, f\u00fcr deren Erhalt hunderttausende ukrainischer M\u00e4nner und Frauen seit \u00fcber einem Jahr verzweifelt und mit ungeheurem Mut k\u00e4mpfen und sterben.<\/p>\n\n\n\n<p>Den untertitelgebenden, oben kurz skizzierten Begriff des Westsplainining, der analog zu dem von Rebecca Solnit in ihrem Essayband \u201eMen Explain Things to Me\u201c gepr\u00e4gten Begriff des Mansplaining entstand, erl\u00e4utert der Sozialwissenschaftler Aliaksej Kazharski mittels einer feinen historischen Analyse. Der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch ruft hingegen in seinem am 6. April 2022 in der NZZ erschienenen Aufsatz energisch zu einem \u201eSchluss mit Westsplaining\u201c auf. Hierin fordert er im Blick auf die weitreichenden Kriegsziele Russlands den Westen auf, die Erfahrungen der Ostmitteleurop\u00e4er endlich ernst zu nehmen und ihren Ratschl\u00e4gen zu folgen. Scharfe Kritik \u00fcbt er an jenen europ\u00e4ischen und amerikanischen Intellektuellen und Politikern, die als K\u00fcnder der sog \u201erealistischen Schule\u201c (Noam Chomsky, Phyllis Bennis, Branko Marcetic) die NATO f\u00fcr die Aggression Russlands, dessen berechtigte Sicherheitsinteressen man zu wenig ber\u00fccksichtigt habe, verantwortlich mach(t)en. Man d\u00fcrfe Russland nicht trauen \u2013 so die Analyse Twardochs \u2013 da es in seiner gesamten Geschichte niemals bereit war, und \u2013 so seine d\u00fcstere Prognose \u2013 auch zuk\u00fcnftig niemals bereit sein wird, sein aggressives Gro\u00dfmachtstreben aufzugeben. (S.62)<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich wie Twardoch fordert auch der polnische Ex-Diplomat Witold Jurasz dazu auf, sich von den im Westeuropa lange gepflegten Russlandmythen zu verabschieden, wobei er die deutsche Russlandpolitik einer scharfen Kritik unterzieht: \u201eAlle polnischen Fehler verblassen jedoch im Vergleich zu dem, wie Deutschland in Russland etwas zu erkennen meinte, was es dort niemals gab, w\u00e4hrend es v\u00f6llig blind daf\u00fcr war, was mit blo\u00dfem Auge zu erkennen war. Wovon ich rede, ist der Hass und die Verachtung f\u00fcr den Westen, die Faschisierung der Gesellschaft, der aggressive Nationalismus, die Homophobie und der Rassismus, der Neoimperialismus und der Militarismus. Es ist geradezu peinlich, dass dies alles von den Interessen fr\u00fcherer Stasioffiziere und ihrer Gespr\u00e4chspartner \u00fcberspielt wurde.\u201c Das Versagen der deutschen Ostpolitik lastet Jurasz allerdings nicht der deutschen Aufkl\u00e4rung, sondern der deutschen Gegenspionage an: \u201eDas Problem besteht n\u00e4mlich nicht darin, wenn wir schon einmal nichts unausgesprochen lassen, dass Deutschland nicht Bescheid gewusst h\u00e4tte. Das Problem besteht darin, dass bestimmte Politiker Bescheid wussten und dennoch genau diese Politik betrieben, w\u00e4hrend die deutsche Gegenspionage sich nicht fragte, wieso sie dies taten.\u201c (S.74)<\/p>\n\n\n\n<p>Hier geht es also nicht mehr allein um den Vorwurf der Naivit\u00e4t und Ahnungslosigkeit gegen\u00fcber Russland und Putin, sondern es wird eine an puren Wirtschaftsinteressen orientierte, die Interessen der Ukraine und etlicher ostmitteleurop\u00e4ischer Partnerl\u00e4nder ignorierende Komplizenschaft zwischen Deutschland und Russland in den Raum gestellt. In diesem Kontext sei an zwei k\u00fcrzlich erschienene Publikationen erinnert, die dieser Problematik profund nachgehen und eine gute Basis f\u00fcr die noch ausstehende Aufarbeitung der deutschen Ostpolitik darstellen: <em>Michael Thumann: Revanche. Wie Putin das bedrohlichste Regime der Welt geschaffen hat. M\u00fcnchen 2023; Reinhard Bingener, Markus Wehner: Die Moskau Connection. Das Schr\u00f6der-Netzwerk und Deutschlands Weg in die Abh\u00e4ngigkeit. M\u00fcnchen 2023.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mit dieser Einsch\u00e4tzung stehen die hier zitierten ukrainischen und polnischen Kritiker am Westsplaninig allerdings nicht allein. Denn es sind auch einige Beitr\u00e4ge deutscher Osteuropaexperten und Publizisten in diesen Band eingegangen, die sich in den letzten Monaten zum Teil best\u00fcrzt und fassungslos, aber in erster Linie tief besch\u00e4mt \u00fcber die Aufrufe deutscher Intellektueller zu \u201eFriedens- und Gespr\u00e4chsinitiativen\u201c ge\u00e4u\u00dfert haben, wobei nicht selten eine ignorante Opfer-T\u00e4ter-Umkehr betriebe wurde, in Talkshows die \u201eberechtigten Sicherheitsinteressen\u201c Russlands ins Spiel gebracht wurden und man sich gegen Waffenlieferungen an die Ukraine aussprach.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke hier an die Texte von Georg Witte, Marcel Kr\u00fcger und Felix Ackermann, in denen im Hinblick auf den von Russland in der Ukraine entfesselten Vernichtungskrieg etlichen deutschen Intellektuellen Geschichtsvergessenheit, Selbstgerechtigkeit Empathielosigkeit und Hybris bescheinigt wird. Am eindrucksvollsten wohl in dem Aufsatz \u201eDie deutsche Narbe\u201c von Felix Ackermann (FAZ, 14. 11.2022)<\/p>\n\n\n\n<p>Das Fazit zu diesen engagierten, klugen und durchweg lesenswerten Texten, die von den Herausgeberinnen vorz\u00fcglich f\u00fcr diese Buchpublikation vorbereitet wurden, f\u00e4llt nicht schwer. Sie sollten zur Pflichtlekt\u00fcre f\u00fcr all diejenigen werden, die besser verstehen m\u00f6chten, was seit \u00fcber einem Jahr in der Ukraine geschieht und wie sich die aberwitzige und durch nichts zu rechtfertigende Aggression Russlands trotz ihrer absurden v\u00f6lkerm\u00f6rderischen Intention und kriegsverbrecherischen Praxis recht schl\u00fcssig aus einer tief verwurzelten imperialen Tradition Russlands herleiten l\u00e4sst. Diese wird seit nunmehr zwei Jahrzehnten von Putin und seinen Propagandisten durch eine die Geschichte und Gegenwart verf\u00e4lschende Narration immer weiter auf die Spitze getrieben, wobei der Mythos von der Opferrolle eines friedliebenden Russlands, das sich schon immer gegen einen verkommenen und feindseligen Westen verteidigen musste, im Zentrum steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass das Westsplaining ma\u00dfgeblich dazu beigetragen hat, die wahren Intentionen Putins auf Kosten der Ukraine herunterzuspielen und zu verharmlosen, wird in den vorliegenden Texten eindrucksvoll dokumentiert. Man kann nur hoffen, dass die Staaten und Gesellschaften des Westens in ihrem ureigensten Interesse aus diesen blamablen und fatalen Fehleinsch\u00e4tzungen die ad\u00e4quaten Konsequenzen ziehen und die Gefahr erkennen, die ihnen von einem unerbittlichen und unberechenbaren Feind droht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. Zbigniew Wilkiewicz Bei der edition. 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