{"id":4379,"date":"2023-07-05T11:29:02","date_gmt":"2023-07-05T09:29:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gesw.de\/?p=4379"},"modified":"2023-12-30T17:47:06","modified_gmt":"2023-12-30T15:47:06","slug":"kurzer-putsch-langer-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gesw.de\/index.php\/2023\/07\/05\/kurzer-putsch-langer-krieg\/","title":{"rendered":"Kurzer Putsch &#8211; langer Krieg"},"content":{"rendered":"\n<p><strong> Dr. Zbigniew Wilkiewicz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bekanntlich ist es \u00e4u\u00dferst riskant historische Parallelen zu ziehen und daraus Analogschl\u00fcsse abzuleiten. Der sowjetische Angriffskrieg gegen Afghanistan dauerte ganze neun Jahre und endete mit einer schmachvollen Niederlage der Sowjetarmee. Sie wird heute in Russland in einen opferreichen sowjetischen Sieg umgedeutet wird, wobei die zahllosen afghanischen Toten dieser erbarmungslosen sowjetischen Aggression kaum Erw\u00e4hnung finden. Auch nach diesem misslungenen Kolonialkrieg und dem Zerfall der UdSSR war man in Russland nicht bereit, sich diese Niederlage und ihre Ursachen einzugestehen. \u00c4hnlich wie im Falle des Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieges, dessen mythische Narration von der ausschlie\u00dflichen Opfer- und Siegerrolle Russlands weiterhin Bestand hat. Sie wird weiterhin geflissentlich gepflegt, gilt es doch auch jetzt der eigenen Bev\u00f6lkerung und den Sympathisanten in aller Welt einzureden, dass man in Afghanistan einst den terroristischen Islamismus bek\u00e4mpfte und gegenw\u00e4rtig in der Ukraine einen Existenzkampf gegen die mit dem Westen verb\u00fcndeten ukrainischen Faschisten f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Da nutzt es auch nichts, dass der gescheiterte Putschist und einstige Intimfreund Putins, der in Wei\u00dfrussland abgetauchte Chef der Wagner-Gruppe Prigoschin in einem seiner j\u00fcngst ver\u00f6ffentlichten aufsehenerregenden Statements deutlich machte, dass dieser Krieg absolut \u00fcberfl\u00fcssig sei, sich rational nicht begr\u00fcnden lasse und Russland nur schade. Denn es sieht ganz danach aus, als habe sich das Verteidigungsministerium und die russische Milit\u00e4rf\u00fchrung endg\u00fcltig gegen den \u201eKoch Putins\u201c durchgesetzt. Zwar h\u00f6rt man momentan nicht sehr viel von Schojgu und auch der angebliche Mitwisser General Surowikin sowie der Generalstabschef Gerassimow gelten als \u201everschwunden\u201c, aber ob es in der russischen Armeef\u00fchrung tats\u00e4chlich zu einer nachhaltigen S\u00e4uberung kommt, wie einige Experten postulieren, ist bisher nicht belegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Klar ist allenfalls, dass der angeschlagene Putin, der in den letzten Tagen eine auff\u00e4llige Volksn\u00e4he zeigt, um seine sinkende Popularit\u00e4t zu steigern, weiter im Sattel sitzt, wenn auch nicht mehr ganz so fest, was an seinen sich widersprechenden Aussagen und Ma\u00dfnahmen im Hinblick auf die Meuterei der Wagner-Gruppe \u00fcberdeutlich wird. Dass man das eindeutige Staatsversagen angesichts des etwas operettenhaften Marschs auf Moskau nun in einen Sieg der russischen Sicherheitskr\u00e4fte umm\u00fcnzt, entspricht der Logik der russischen Informationspolitik, die permanent und systematisch auf Uneindeutigkeiten, Verleumdungen und Vertuschungen setzt, um damit Freund und Feind zu verunsichern.<\/p>\n\n\n\n<p>Hingegen bleibt das Schicksal Prigoschins und seiner S\u00f6ldner, die sich bis zum 1. Juli dem Oberbefehl der russischen Armee unterstellen sollten, was Prigoschin mit seinem Putsch zu verhindern suchte, ungewiss. Inwiefern und in welchem Ma\u00dfe sie das Angebot Putins annehmen werden, in den Reihen der russischen Armee zu k\u00e4mpfen, l\u00e4sst sich nur schwer absch\u00e4tzen. Inzwischen wird von unabh\u00e4ngigen Medien berichtet, dass Angeh\u00f6rige der Wagner-Gruppe, die sich der russischen Armeef\u00fchrung unterstellt haben, wieder bevorzugt in den ersten Kampflinien verheizt werden. Auch so wird man russische Patrioten los, an deren Loyalit\u00e4t erhebliche Zweifel bestehen. Dass Putin aber trotzdem auf das Wagner-Potenzial angewiesen ist, zeigen die Erfahrung der K\u00e4mpfe um Soledar und Bachmut, vor allem aber das beachtliche und f\u00fcr den Kreml sehr eintr\u00e4gliche Engagement der Prigoschin-Truppe in Afrika.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf jeden Fall ist die Armeef\u00fchrung und mit ihr Putin einen ihrer hemmungslosesten Kritiker los, der sich bei seinen verbalen Angriffen auf die russische Armeef\u00fchrung eines ausgesprochenen Verbrecherjargons bediente und auch danach handelte. Da er nicht den offiziellen staatlichen Strukturen angeh\u00f6rte, erf\u00fcllte er im Einvernehmen mit Putin lange Zeit eine wichtige Rolle, indem er die recht erfolglose russische Armeef\u00fchrung vor sich hertrieb. Diese Rolle ist nun ausgespielt, denn Prigoschin hat sie zuletzt eigenwillig \u00fcberinterpretiert und den Regisseur zu wenig einbezogen. Das Schweigen und Abtauchen seiner Hauptgegner Schojgu und Gerassimow spricht zwar B\u00e4nde, besagt aber nicht, dass sie aus dem Spiel sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach wie vor setzt Russland auf einen langen Zerm\u00fcrbungskrieg und geht davon aus, dass den Unterst\u00fctzern der Ukrainer und den Ukrainern selbst die Puste ausgeht. Dass man dabei bereit ist weiter zu eskalieren, zeigte die Sprengung des Kachowka-Staudamms sowie der k\u00fcrzlich erfolgte gezielte Angriff auf eine Pizzeria in Kramatorsk, bei der unter anderen die Schriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin Victoria Amelina den Tod fand.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Bedrohung durch eine Nuklearkatastrophe im Atomkraftwerk in Saporoschija sowie der st\u00e4ndige Beschuss ziviler Ziele in der Ukraine sind Teil dieses Kalk\u00fcls. Und da die ukrainische Gegenoffensive vor allem aufgrund des Mangels an westlichen Kampfflugzeugen nur langsam vorankommt, und die russischen Streitkr\u00e4fte viel Zeit hatten ihre Verteidigungslinien auszubauen, steht zu bef\u00fcrchten, dass dieser Krieg mittelfristig kein Ende findet. Darauf werden sich auch die NATO-Staaten einstellen m\u00fcssen, die bei dem anstehenden Gipfel in Vilnius, der Ukraine &#8211; \u00fcber die bisher geleistete Milit\u00e4rhilfe hinaus &#8211; weitreichende Sicherheitsgarantien geben und eine klare Perspektive f\u00fcr einen NATO-Beitritt er\u00f6ffnen sollten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. Zbigniew Wilkiewicz Bekanntlich ist es \u00e4u\u00dferst riskant historische Parallelen zu ziehen und daraus Analogschl\u00fcsse abzuleiten. Der sowjetische Angriffskrieg gegen Afghanistan dauerte ganze neun Jahre und endete mit einer schmachvollen Niederlage der Sowjetarmee. 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