{"id":4679,"date":"2024-05-08T19:28:44","date_gmt":"2024-05-08T17:28:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gesw.de\/?p=4679"},"modified":"2024-05-08T22:08:10","modified_gmt":"2024-05-08T20:08:10","slug":"8-mai-2024-wie-erinnern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gesw.de\/index.php\/2024\/05\/08\/8-mai-2024-wie-erinnern\/","title":{"rendered":"8. Mai 2024. Wie erinnern?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Dr. Zbigniew Wilkiewicz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Putin l\u00e4sst sich zum f\u00fcnften Mal zum Pr\u00e4sidenten w\u00e4hlen und versch\u00e4rft den innenpolitischen Kurs in Russland noch mehr. Verurteilte Gewaltverbrecher, wie der ber\u00fcchtigte \u201eKannibale\u201c d\u00fcrfen sich publikumswirksam an der vaterl\u00e4ndischen Front bew\u00e4hren, die politisch bedingte Unterbringung von Andersdenkenden und Oppositionellen in psychiatrischen Anstalten hat Hochkonjunktur, Folterungen und Morde im In- und Ausland sind an der Tagesordnung. (Friedrich Schmidt: Der Kriegspr\u00e4sident und seine Beute. In: FAZ, 07.05.2024, S.3).<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Abgesegnet wird dies alles in Russland nicht nur durch eine ver\u00e4ngstigte schweigende Mehrheit der mundtot gemachten russischen Gesellschaft, sondern auch von einem rachs\u00fcchtigen ultrachauvinistischen Patriarchen Kyrill, der zum heiligen Krieg gegen den demoralisierten Westen aufruft. Der Diktator scheut sich auch nicht, wieder mit dem Einsatz taktischer Atombomben zu drohen, die Infrastruktur der Ukraine wird im Osten und Westen des Landes in Schutt und Asche gelegt, und gerade gegen Deutschland ein unerbittlicher Cyber-Krieg gef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig st\u00f6\u00dft die von Kanzler Scholz nach der sp\u00e4ten US-amerikanischen Freigabe der Hilfsmittel f\u00fcr die Ukraine neuerlich formulierte Absage an eine Taurus Lieferung, die von einem bezeichnenden Kichern begleitet wurde, nicht nur im In- sondern auch im Ausland auf Unverst\u00e4ndnis und Kopfsch\u00fctteln.<\/p>\n\n\n\n<p>Und auch die sp\u00f6ttischen Verweise des Bundepr\u00e4sidenten Steinmeier auf die \u201eKaliberexperten\u201c, die nicht nur in ebenjenen Fachkreisen, sondern auch bei den Vertretern der Opposition und Regierungskoalition Emp\u00f6rung hervorriefen, zeugen davon, dass sowohl Scholz als auch Steinmeier ein erhebliches Kommunikationsproblem haben. Die vernichtenden Kritiken an dem von Steinmeier k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichen Buch \u201eWir\u201c machen die Sache nicht besser.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz offensichtlich handelt es sich aber nicht nur um die schon oft kritisierte Kommunikationsschw\u00e4che des Kanzlers, sondern um seine bisher nur wenig erfolgsverhei\u00dfenden Versuche (etwa in China) sich als \u201eFriedenskanzler\u201c in Szene zu setzen. Angesichts der anstehenden Wahlen zum EP und den demn\u00e4chst anstehenden Landtagswahlen im Osten, bei der die SPD von der AfD marginalisiert wird, und einem fatalen Bundestrend, ist dies wohl der verzweifelte Versuch wieder in die Spur zu kommen. Ob dies angesichts der weiter prek\u00e4r bleibenden Lage an den ukrainischen Fronten ein tauglicher Ansatz ist, scheint mir fraglich. W\u00e4hrend die USA, Gro\u00dfbritannien, Frankreich und das au\u00dfenpolitisch wiedererwachte Polen zu einer noch entschiedeneren Unterst\u00fctzung der Ukraine aufrufen und den Einsatz entsprechender Waffensysteme fordern, verweist die Bundesregierung immer wieder und recht selbst zufrieden darauf, was sie alles schon geleistet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ist es gut, dass ausgewiesene deutsche und ukrainische Historiker an diesem so geschichtstr\u00e4chtigen Datum, dem Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs, in einem gemeinsamen Text daran erinnern, wie in der Vergangenheit besonders auch in Deutschland einer russischen Erinnerungskultur das Wort geredet wurde, bei der die sowjetischen Opfer und Helden des Zweiten Weltkriegs zusehends von Russland und den Russen vereinnahmt wurden. Dass dabei auch in hohem Ma\u00dfe die tragische Rolle der Ukraine und der Ukrainer als Opfer des Stalinismus und des Nationalsozialismus unterschlagen wurde, setzt sich in Westeuropa, besonders aber auch in Deutschland, nur allm\u00e4hlich durch. Dass zahlreiche Ukrainer, aber auch die Masse der Ostmitteleurop\u00e4er den 8. Mai 1945, nicht nur als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus feiern durften, sondern auch als Beginn einer sehr bald einsetzenden brutalen sowjetischen Besatzungspolitik erleiden mussten, die erst 1989 ihr Ende fand, wurde im freien Westeuropa und der Bundesrepublik lange verdr\u00e4ngt und nur wenig wahrgenommen. Der von Russland seit 2014 in der Ukraine begonnene Krieg, der 2022 den Charakter eines Vernichtungskriegs angenommen hat, sorgte allm\u00e4hlich daf\u00fcr, dass es im Westen zu einer differenzierteren Neubewertung des Kriegsendes gekommen ist:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie \u201eOsterweiterung der deutschen Erinnerung\u201c, die auch vergessene Orte deutscher Verbrechen in Polen, Belarus, der Ukraine, Russland und anderen einschlie\u00dft, ist weiter dringlich erforderlich. Mit der Erinnerung an den 8.\/9. Mai 1945 ist nach dem 24. Februar 2022 die Frage verbunden, inwieweit der gegenw\u00e4rtige Krieg die Sicht auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts ver\u00e4ndert. Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Okkupation verpflichtet dazu, dem neuen verbrecherischen Krieg entschieden entgegenzutreten. Wir rufen die Bundesregierung dazu auf, die Ukraine in ihrem Kampf gegen die russische Aggression noch st\u00e4rker als bisher zu unterst\u00fctzen, um ihr die Wiederherstellung ihrer territorialen Integrit\u00e4t zu erm\u00f6glichen.\u201c (Deutsch-ukrainische historische Kommission. Die doppelte Botschaft des 8.Mai. In: FAZ, 08.05.2024, S.8)<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts der seit Jahren anhaltenden Durchsetzung der deutschen Wirtschaft, Politik und Wissenschaft mit russlandfreundlichen, die Zeitgeschichte entstellenden Narrativen, die noch immer \u00f6ffentlichkeitswirksam zur Geltung kommen, schlie\u00dfe ich mich den heute ver\u00f6ffentlichten Postulaten der deutsch-ukrainischen Historikerkommission ausdr\u00fccklich an und bin der Auffassung, dass die Ost-West-Institute der Bundesrepublik, zu denen an prominenter Stelle auch das GESW z\u00e4hlt, sich diesem Thema im Rahmen ihrer historisch-politischen Bildung ausf\u00fchrlich widmen sollten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. Zbigniew Wilkiewicz Putin l\u00e4sst sich zum f\u00fcnften Mal zum Pr\u00e4sidenten w\u00e4hlen und versch\u00e4rft den innenpolitischen Kurs in Russland noch mehr. 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