{"id":4683,"date":"2024-06-03T14:00:45","date_gmt":"2024-06-03T12:00:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gesw.de\/?p=4683"},"modified":"2024-10-16T16:55:29","modified_gmt":"2024-10-16T14:55:29","slug":"der-europaeische-gedanke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gesw.de\/index.php\/2024\/06\/03\/der-europaeische-gedanke\/","title":{"rendered":"Der Europ\u00e4ische Gedanke"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Wanja Hemprich<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Finalit\u00e4t Europas<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die Frage nach der Finalit\u00e4t Europas ist eine Frage, die nicht nur eine Antwort kennt. Die Antworten auf diese Frage sind so individuell wie die europ\u00e4ischen B\u00fcrger*innen selbst. Bevor wir nach den finalen Grenzen fragen k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir verstehen, was es denn einzugrenzen gilt. Was ist Europa?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Zweifach l\u00e4sst sich diese Frage beantworten. Europa kann als ein geographisches Gebiet sowie als geistige Verbindung von Nationen betrachtet werden. Ersteres grenzt sich im Westen und Norden durch den Atlantischen Ozean und die Nordsee, im S\u00fcden durch das Mittelmeer und im Osten durch Russland von den \u00fcbrigen Kontinenten ab. Letztere ist nicht als metaphysische Verbindung zwischen den europ\u00e4ischen Nationen zu verstehen. Vielmehr meint die geistige Verbindung die kulturellen Gemeinsamkeiten der europ\u00e4ischen Nationen. Zu Ihnen geh\u00f6ren eine gemeinsame Kunstgeschichte, politische Leitbilder wie der Frieden und die Demokratie, welche ihren Ursprung in der attischen Demokratie des antiken Griechenlandes hat. Auch der religi\u00f6se Glauben &#8211; das Christentum \u2013 vereint das heutige Europa. Beginnend mit Karl dem Gro\u00dfen, dem <em>Pater Europae, <\/em>pr\u00e4gte das Christentum den europ\u00e4ischen Kontinent nachhaltig. Nicht zuletzt z\u00e4hlt auch die westliche Philosophie zu den kulturellen Gemeinsamkeiten. Mit der europ\u00e4ischen Philosophie, derer Wurzeln ebenfalls im antiken Griechenland liegen, teilen sich die Nationen des europ\u00e4ischen Kontinents eine gemeinsame Art die Welt zu betrachten, in Worten zu begreifen und zu kategorisieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den ersten Blick erscheinen die topografischen Grenzen Europas nat\u00fcrlich, da sie sich an geografischen Merkmalen wie den Meeren oder der Plattentektonik orientieren. Eine genauere Betrachtung der europ\u00e4ischen Geschichte verr\u00e4t jedoch, dass erst im 18. Jh. mit Beginn der wissenschaftlichen Geografie erste Unternehmungen stattfanden, Europa durch topografische Grenzen zu definieren. Bis dahin galt &#8222;Europa&#8220; als Ethnonym, dessen Bedeutung sich mit der Zeit dynamisch ver\u00e4nderte. Die minoische Hochkultur war die erste auf europ\u00e4ischem Boden. Europ\u00e4isch wurden die V\u00f6lker Griechenlandes und die seiner Kolonien bezeichnet. Die Idee eines geeinten Europas geht auf den franz\u00f6sischen Geistlichen, Publizisten und Philosophen der Aufkl\u00e4rung, Abb\u00e9 de Saint Pierre zur\u00fcck. Seine Idee der <em>Union Europ\u00e9enne<\/em> hatte zum Ziel, die Kriege und nationalstaatliche Zersplitterung innerhalb Europas zu \u00fcberwinden. Abb\u00e9 de Saint Pierre verstand ein geeintes Europa als logische Konsequenz des von Hobbes beschriebenen Naturzustandes. Denn Abb\u00e9 de Saint Pierre verstand, dass sich durch die nationalstaatliche Zersplitterung Europas nur wieder neue Entit\u00e4ten herauskristallisieren &#8211; einzelne Nationalstaaten &#8211; zwischen denen der Naturzustand und das damit einhergehende Recht des St\u00e4rkeren fortbestehen w\u00fcrde. Um den Frieden auf dem europ\u00e4ischen Kontinent sicherstellen zu k\u00f6nnen brauchte es also ein Europa, welches sich als geeint und vereint betrachtete. Im europ\u00e4ischen Frieden sah der franz\u00f6sische Philosoph jedoch keineswegs einen Selbstzweck. Vielmehr sollte dieser den Reichtum der Nationen sicherstellen. Bei Politikern, Wissenschaftlern und Philosophen seiner Zeit stie\u00df sein Vorhaben jedoch nicht auf Anklang. Der franz\u00f6sische Philosoph Voltaire zum Beispiel hielt die Unterschiedlichkeit von Nationen so nat\u00fcrlich wie die Unterschiede verschiedener Tierarten. Herrschende seiner Zeit verstanden dieses Projekt als eine naive, realit\u00e4tsfremde Idee.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.gesw.de\/uploads\/grafik-1-1024x768.png\" alt=\"Auschwitz-Birkenau als einer der wichtigsten Orte europ\u00e4ischer Geschichte in surrealem Regenbogenlicht, eigenes Foto, Februar 2023.\" class=\"wp-image-4684\" srcset=\"https:\/\/www.gesw.de\/uploads\/grafik-1-1024x768.png 1024w, https:\/\/www.gesw.de\/uploads\/grafik-1-300x225.png 300w, https:\/\/www.gesw.de\/uploads\/grafik-1-768x576.png 768w, https:\/\/www.gesw.de\/uploads\/grafik-1.png 1057w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><strong>Auschwitz-Birkenau als einer der wichtigsten Orte europ\u00e4ischer Geschichte in surrealem Regenbogenlicht, eigenes Foto, Februar 2023.<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Vor diesem Hintergrund k\u00f6nnen wir nun zu der Anfangsfrage zur\u00fcckkehren. Die Frage nach der Finalit\u00e4t Europas. Es sollte deutlich geworden sein, dass Europa in der Form, wie wir es heute kennen, seine Finalit\u00e4t noch nicht erreicht haben wird. Der Begriff Europas und was er zusammenfasst, ist in der Geschichte immer dynamisch gewesen und wird es auch k\u00fcnftig bleiben. Die Bedeutung des Begriffes hat sich in der Vergangenheit immer ver\u00e4ndert und wird es auch in Zukunft tun. In welche Richtung ist unklar. F\u00fchren wir Abb\u00e9 de Saint Pierres Gedanken fort, ist Europa nur ein vorr\u00fcbergehender Halt auf dem Weg zu einer geeinten Weltgemeinschaft. Denn auch Staatenb\u00fcnde sind letztlich nur Entit\u00e4ten, zwischen denen der von Hobbes beschriebene Naturzustand fortbesteht. Es liegt an uns Europ\u00e4er*innen, was wir aus Europa machen. Die Antwort auf die Frage nach der Finalit\u00e4t Europas bleibt vermutlich weiterhin so individuell wie die B\u00fcrger*innen Europas selbst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wanja Hemprich Die Finalit\u00e4t Europas Die Frage nach der Finalit\u00e4t Europas ist eine Frage, die nicht nur eine Antwort kennt. Die Antworten auf diese Frage sind so individuell wie die europ\u00e4ischen B\u00fcrger*innen selbst. Bevor wir nach den finalen Grenzen fragen k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir verstehen, was es denn einzugrenzen gilt. 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