Dr. Gerhard Schüsselbauer
Über 70 Jahre Gesamteuropäisches Studienwerk e.V. – das sind viele Jahre gesellschaftlicher Wandel, pädagogischer Aufbruch und Umbruch, neue Herausforderungen und immer wieder neue Generationen junger Menschen. Wer so lange Bildungsarbeit macht, hat nicht nur politische und pädagogische Konzepte kommen und gehen sehen, sondern auch erlebt, wie sich die Sprache der Jugend beinahe im Takt der Jahrzehnte neu erfunden hat.
Werfen wir also einen etwas anderen Blick zurück – das GESW in Vlotho zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, und immer mitten in EU-ropa.
Die 1950er – Demokratie lernen in der Adenauerrepublik
Die Bundesrepublik war noch jung. Nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus standen Sittlichkeitserziehung und Demokratiebildung im Mittelpunkt. Außerschulische Bildung sollte Orientierung geben und Verantwortung in der jungen Demokratie fördern.
Jugendliche fanden trotzdem ihren eigenen Ton. Was heute vielleicht „crazy“ wäre, war damals schlicht dufte. Und auf den Straßen herrschten die Halbstarken.
Die 1960er – Aufbruch und Emanzipation
Mit den Studierendenprotesten veränderte sich auch die Bildungslandschaft radikal. Politisierung, Mitbestimmung und Emanzipation wurden zu wichtigen Themen. Außerschulische Bildung entwickelte sich zunehmend zu einem Ort des kritischen Denkens und gesellschaftlichen Engagements.
Und die Jugend? Die war groovy, hörte Beat– und später Rockmusik, ging in den Club oder hatte sich ordentlich aufgebrezelt.
Die 1970er – Rückenwind für die Weiterbildung
Ein Meilenstein war das Weiterbildungsgesetz des Landes NRW. Gemeinsam mit dem Beutelsbacher Konsens erhielt die politische Bildung wichtige Grundlagen, die bis heute gelten. Gleichzeitig entstanden neue soziale Bewegungen – für Frieden, Frauenrechte und Umweltschutz.
In der Jugendsprache war vieles knorke. Man ging in die Disse oder hatte auch mal ordentlich Zoff mit den Alten.
Die 1980er – Mehr als nur Wissen vermitteln
Viele gesellschaftliche Entwicklungen wurden kritisch hinterfragt. Pädagogisch rückten Lebenswelt- und Subjektorientierung in den Mittelpunkt. Lernen sollte nicht nur den Kopf erreichen, sondern den ganzen Menschen. Non-formale Bildung gewann weiter an Bedeutung.
Alles war entweder cool, affengeil oder sogar oberaffengeil. Und wenn etwas gar nicht ging, hieß es: Null Bock.
Die 1990er – Neue Herausforderungen im vereinten Deutschland
Nach der Wiedervereinigung beschäftigten Rechtsextremismus, gesellschaftlicher Zusammenhalt und das Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft viele Bildungseinrichtungen. Erlebnisorientiertes Lernen und sozialraumorientierte Projektarbeit gewannen an Bedeutung.
Jugendliche fanden vieles fett, krass oder mega, gingen abraven oder zocken.
Die 2000er – Willkommen im digitalen Zeitalter im neuen Jahrtausend
Mit dem neuen Jahrtausend hielten Digitalisierung und Qualitätsentwicklung Einzug. Gender Mainstreaming, Partizipation, Diversity und Qualitätsmanagement prägten die außerschulische Bildung.
War etwas besonders gelungen, war es einfach Hammer oder Monster. Wenn alles gut funktionierte: Läuft! Und wenn nicht? Kein Plan.
Die 2010er – Social Media verändert alles
Smartphones und soziale Medien bestimmten zunehmend den Alltag. Medienkompetenz, Demokratiebildung, Resilienz und Empowerment wurden zu zentralen Themen. Die Gesellschaft wurde vielfältiger und postmigrantische Perspektiven selbstverständlicher.
Die Jugendsprache? LOL, I bims, Ehrenfrau, Ehrenmann – und irgendwann verdrängte Digga das gute alte Alter.
Die 2020er – Zwischen Dauerkrise und Künstlicher Intelligenz
Pandemie, Klimawandel, Kriege, Konflikte und Digitalisierung prägen das Jahrzehnt. Bildung für nachhaltige Entwicklung, außerschulische Lernorte und natürlich auch Künstliche Intelligenz bestimmen die Diskussionen.
Jugendliche finden manches einfach lost, anderes crazy. Und fast jeder ist inzwischen Bruder oder Bro.
Über 70 Jahre mittendrin in Deutschland und in EU-ropa
Das Gesamteuropäische Studienwerk e.V.hat all diese Entwicklungen begleitet – und oft sogar mitgestaltet. Zwischen dem Oldschool-Begriff Sittlichkeitserziehung und der KI heute, zwischen Demokratiebildung und Digitalisierung, zwischen Weiterbildungsgesetz und Verwendungsnachweis, zwischen dufte, cool, krass, mega und das crazy.
All die Jahre bedeuteten immer wieder, sich auf neue gesellschaftliche Herausforderungen einzulassen, neue pädagogische Konzepte zu entwickeln, Förderprogramme zu verstehen, Projekte zu beantragen und vor allem: Menschen zu begegnen. Es sind die Dynamik durch wechselnde bildungspolitische Trends und das Herzblut, aber auch neue Förderlogiken, rasante gesellschaftliche, soziale und auch technologische Entwicklungen und immer neue Jugendwörter, die das Salz in der Bildungssuppe ausmachen – ganz gleich, ob etwas gerade dufte, knorke, affengeil, cool, mega oder einfach nur crazy und safe ist.
