Laureen Hannig
Kriegsgräberstätten sind Orte der Erinnerung und gleichzeitig Brennpunkte gesellschaftlicher und politischer Kontroversen. Hier treffen Trauer, nationale Erinnerungspolitik und aktuelle politische Deutungskämpfe aufeinander. Die Frage, wie wir an solchen Orten mit der Vergangenheit umgehen, ist zentral für historisch-politische Bildung, Demokratiekompetenz und die Auseinandersetzung mit Gewaltgeschichte.
Erinnerungskultur ist heute ein hochaktuelles Spannungsfeld: Rechtspopulismus, Mediennutzung und gesellschaftliche Polarisierung treffen auf die Herausforderungen historisch-politischer Bildung. Jugendliche informieren sich zunehmend über soziale Medien wie TikTok, wo Fake News und Extremismus verbreitet werden. Einige Politiker relativieren den Holocaust, fordern weniger Fokus auf NS-Verbrechen im Unterricht und einen Abbau von Gedenkstätten.
Debatten um „Vergangenheitsbewältigung vs. nationale Identität“ an Denkmälern zeigen: Erinnerungskultur ist politisch und gesellschaftlich umstritten. Historisch-politische Bildung muss hier vermitteln, wie man Werte wie Demokratie, Menschenrechte und moralische Verantwortung in der Auseinandersetzung mit Geschichte verteidigt – gerade an kontroversen Orten wie Kriegsgräberstätten.
Vereinnahmung, Opfermythen und kritische Bildung
Ein zentrales Problem ist die Vereinnahmung von Kriegsgräbern für ideologische Zwecke. Rechtsextreme Gruppen versuchen, durch ritualisiertes Gedenken an deutsche Soldaten der Wehrmacht oder der Waffen-SS einen Opfermythos zu konstruieren. Dabei wird deutsche Schuld im Nationalsozialismus relativiert. Kritische historische Bildung fordert, über das bloße Trauern von „deutschen Soldaten“ hinauszugehen: Gewaltverhältnisse, Täterschaft, Mitverantwortung und auch koloniale sowie rassistische Dimensionen müssen mitgedacht werden.
Fallbeispiel: Costermano
Ein besonders anschauliches Beispiel ist der deutsche Soldatenfriedhof in Costermano, Italien, betreut vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Hier ruhen auch Angehörige der Waffen-SS, darunter nachweislich Kriegsverbrecher wie Christian Wirth, Franz Reichleitner und Gottfried Schwarz, die aktiv am Holocaust beteiligt waren.
Die Debatten um diesen Friedhof zeigen die schwierige Balance zwischen Gedenken und Aufarbeitung:
- 1988 verweigerte der deutsche Generalkonsul Manfred Steinkühler die Kranzniederlegung, solange die SS-Angehörigen nicht entfernt würden.
- Als Kompromiss wurden ihre Namen aus dem Ehrenbuch gestrichen und Dienstgrade von den Grabsteinen entfernt.
- Heute informiert der Volksbund Besucherinnen und Besucher über die Taten der Täter und betont: „Die hier liegenden Toten mahnen uns zu Frieden und Versöhnung. Auch die Schuldigen mögen ihre letzte Ruhe finden, ihre Verbrechen sind uns zugleich Aufforderung, aus der Geschichte zu lernen.“
Historisch-politische Bildung: Verantwortung lernen
Historisch-politische Bildung befähigt Menschen, Vergangenheit, Gegenwart und eigene Handlungsmöglichkeiten in einer Demokratie zu verstehen. Sie stärkt die Demokratiekompetenz, also Wissen, kritisches Denken, Werteorientierung und praktische Handlungsfähigkeit. Gerade an umstrittenen Orten wie Kriegsgräberstätten können dabei komplexe Themen vermittelt werden. Es geht darum, Täter-, Opfer- und Zuschauerrollen differenziert zu betrachten, Mythen wie reine „Helden- oder Opfererzählungen“ kritisch zu hinterfragen und über Massen- und Völkermord, Mitverantwortung und gesellschaftliche Strukturen nachzudenken.
Der Volksbund als Akteur historisch-politischer Bildung
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge pflegt über 830 Kriegsgräberstätten in 46 Ländern und entwickelt diese zu Begegnungs- und Bildungsorten.
- Fokus: Frieden, Menschenrechte, Demokratie
- Historische Greifbarkeit: Biografienforschung an Grabsteinen ermöglicht persönliche Annäherung an Kriegstote – aus Zahlen werden Menschen
- Pädagogisches Ziel: Reflexion über Krieg, Schuld, Mitverantwortung und Versöhnung
Wer die Themen Neutralität, Haltung und Partizipation in der historisch-politischen Bildung vertiefen möchte, kann dies in einem praxisorientierten Seminar tun, das als Kooperationsveranstaltung von GESW e.V. und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge angeboten wird. Die Veranstaltung richtet sich an Multiplikatorinnen und Multiplikatoren der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung, darunter Lehrkräfte und Bildungsreferent*innen. Sie findet vom 16. bis 18. April 2026 in Vlotho statt.
Weitere Informationen gibt es per Mail bei laureen.hannig@gesw.de
Anmeldung: Neutralität, Haltung und Partizipation in der historisch-politischen Bildung
