Don’t you know | They’re talking about a revolution? | It sounds like a whisper (Tracy Chapmann)
Dr. Gerhard Schüsselbauer
In Europa ist momentan eine Menge los auf den Straßen. Vergleiche mit 1968 oder gar 1789 sowie 1848 sind schnell zur Hand. Viele Proteste bis hin zu gewalttägigen Exzessen und Plünderungen sowie schweren Brandstiftungen werfen die Frage nach den tieferen Hintergründen auf. Klar ist, es gibt nicht die eine europäische Protestbewegung. Vielmehr entstehen in unterschiedlichen Ländern Proteste, die sich in ihren unmittelbaren Anlässen, politischen Zielen und gesellschaftlichen Gruppen unterscheiden. Gemeinsamkeiten gibt es vor allem bei den Ursachen, den Mobilisierungsformen und dem Verhältnis junger Menschen zu Politik und Gesellschaft. Die aktuellen Protestwellen haben teilweise mit der Lebenswirklichkeit der Gen-Z (junge Menschen, je nach Abgrenzung, geboren etwa zwischen 1995 und 2010) zu tun, aber die Proteste in Europa lassen sich nicht insgesamt als Gen-Z-Bewegung im Sinne der Frage nach der Generationengerechtigkeit (Intergenerational Equity) verstehen. In vielen Ländern stehen junge Menschen im Mittelpunkt der Mobilisierung. Sie protestieren gegen politische Entscheidungen, soziale Ungleichheit, fehlende Zukunftsperspektiven und das Gefühl, dass ihre Interessen von den etablierten politischen Institutionen nicht ausreichend berücksichtigt werden. Doch diese Probleme tangieren die Lebensbereiche fast aller Menschen, die nicht zu den 10 oder 15 Prozent der wirklich einkommens- und vermögensstarken Mitglieder einer Gesellschaft gehören.
Junge Menschen nutzen Demonstrationen, soziale Medien und digitale Netzwerke, um politische Forderungen öffentlich zu machen. TikTok, Instagram, Messenger und andere digitale Netzwerke sind perfekte Medien, um in rasanter Geschwindigkeit Proteste schnell zu verbreiten und Menschen unabhängig von klassischen Organisationen zusammenzubringen. Viele, vor allem junge Menschen, erleben Unsicherheit bei den Themen Wohnraum, Einstieg in den Arbeitsmarkt, Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe – allerdings nicht alle in gleicher Weise. Zwar ist die Gen-Z primär mit digitalen Medien aufgewachsen und erlebt Klimakrise, Corona-Pandemie, die Auswirkungen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, steigende Lebenshaltungskosten und politische Polarisierung in einer prägenden Lebensphase. Daher artikulieren junge Menschen den sehr berechtigten Anspruch, bei Entscheidungen über ihre Zukunft stärker beteiligt zu werden.
Allerdings ist die Generation Z politisch keineswegs einheitlich. Sie umfasst unterschiedliche soziale Milieus, politische Orientierungen und Lebenslagen. Manche engagieren sich für Klimaschutz und soziale Rechte, andere protestieren gegen Regierungen, staatliche Eingriffe oder etablierte politische Parteien. Auch nationalistische, konservative sowie linksextreme Jugendmobilisierungen können Teil dieser Entwicklung sein.
Welche Faktoren treiben die Proteste in Europa an?
Die aktuellen Proteste im Herbst 2026 haben in mehreren Ländern konkrete Auslöser, die auf tieferliegenden gesellschaftlichen Problemen beruhen. Die momentanen Protestwellen unter anderem in Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, Belgien und Albanien sowie Serbien greifen schwerpunktmäßig folgende Themenkomplexe auf:
1. Wohnungsnot und steigende Lebenshaltungskosten (vor allem in Frankreich und mediterranen Ländern) – hohe Mieten, drastisch gestiegene Lebensmittelpreise, Energie- und Transportkosten erschweren jungen Menschen den Schritt in ein selbstständiges Leben. Selbst eine abgeschlossene Ausbildung oder ein Arbeitsplatz garantieren nicht, dass sie sich eine eigene Wohnung leisten können. Besonders deutlich ist das Thema bei Protesten in Portugal und Spanien.
2. Unzufriedenheit mit Bildung und Ausbildung – überfüllte Klassen, mangelhafte Schulinfrastruktur, fehlende Lehrkräfte und finanzielle Hürden beim Studium vermitteln jungen Menschen den Eindruck, dass Bildung nicht überall die Chancen eröffnet, die sie verspricht. In Frankreich und Belgien gehören Bildungsfragen zu den zentralen Auslösern der Proteste und zum Forderungskatalog an die Verantwortlichen.
3. Unsichere Arbeits- und Zukunftsperspektiven – ein qualifiziertes Studium oder eine gute Ausbildung sind längst keine Jobgarantie mehr, auch nicht in Deutschland, wo der Arbeitsmarkt zwar noch relativ robust ist, aber Schwierigkeiten beim Berufseinstieg und die Sorge, trotz Qualifikation wirtschaftlich nicht voranzukommen, die Unzufriedenheit verstärken. Das Problem ist nicht allein Arbeitslosigkeit, sondern auch die Frage, ob Arbeit noch ein verlässliches Fundament für ein eigenständiges Leben bildet.
4. Misstrauen gegenüber Politik und Institutionen – wenn politische Entscheidungen als intransparent, ungerecht oder von Eigeninteressen geprägt wahrgenommen werden, wächst die Distanz zu Regierungen und klassischen Parteien. Korruptionsvorwürfe, fehlende Rechenschaft und der Eindruck, dass einflussreiche Gruppen bevorzugt werden, können Proteste zusätzlich verschärfen. In Albanien und vor allem bei der studentischen Protestbewegung in Serbien spielt diese Dimension die entscheidende Rolle. In Frankreich könnte die Entwicklung zu einer dramatischen Zuspitzung der Polarisierung zwischen linkem (Mélenchon) und rechtem Lager (Le Pen) führen. Die politische Mitte scheint in Frankreich momentan vakant zu sein, mit völlig unabsehbaren Folgen für die Demokratie in einem Kernland der EU. Die Krise der Lebensperspektiven könnte zu einer veritablen Krise der Demokratie werden.
Glaubwürdigkeit des sozialen Aufstiegs verliert an Wert
Lange galt in vielen europäischen Gesellschaften die Vorstellung: Wer lernt, sich anstrengt und arbeitet, kann sich ein selbstständiges Leben aufbauen und seine Lebensbedingungen verbessern. Viele junge Menschen erleben heute eine Diskrepanz zwischen diesem Versprechen und ihrer Realität. Sie investieren in Bildung, sind flexibel und übernehmen Verantwortung– stoßen aber auf hohe Wohnkosten, unsichere Beschäftigung und eingeschränkte Aufstiegschancen. Das bedeutet nicht, dass die gesamte junge Generation schlechter gestellt ist als frühere Generationen. Die Lebenslagen unterscheiden sich erheblich nach Land, sozialer Herkunft und Vermögen der Familie. Entscheidend ist vielmehr, dass die Aussicht auf sozialen Aufstieg für einen Teil der jungen Menschen weniger verlässlich erscheint. Die heutige Generation ist in einer paradoxen Zeit aufgewachsen, in der neben der positiven wirtschaftlichen Entwicklung und dem gestiegenen materiellen Wohlstandsniveau der letzten 20 Jahre mehrere Krisen nacheinander oder gleichzeitig sichtbar wurden: Finanz- und Schuldenkrise, Corona-Pandemie, russischer Angriffskrieg gegen die Ukraine, Energiepreisschocks, Klimakrise und zunehmende internationale Spannungen. Daher ist dieser Verlust nur scheinbar ein Problem der jungen Generation, denn alle Altersschichten können unter diesen Auswirkungen massiv leiden. Es ist vielmehr eine Frage der sozioökonomischen Voraussetzungen als der Generationen, wie resilient Menschen gegenüber Krisen sind.
Fehlendes politisches Gehör und mangelnde Teilhabe
Ein besonders wichtiger Hintergrund ist die Frage nach politischer Repräsentation. Junge Menschen können das Gefühl entwickeln, dass Entscheidungen über Bildung, Klima, öffentliche Schulden, Digitalisierung und Wohnungsmarkt vor allem von Menschen in politischen Institutionen getroffen werden, in denen ihre Erwartungen und langfristigen Interessen zu wenig Gewicht haben. Wenn politische Beteiligung als wenig wirksam erlebt wird, kann die Straße zu einem alternativen Ort politischer Einflussnahme werden. Protest ist dann nicht zwingend Ausdruck von Politikverdrossenheit. Er kann vielmehr zeigen, dass Menschen politisch interessiert sind, den etablierten Wegen der Interessenvertretung aber nicht genügend vertrauen. Die wissenschaftliche Forschung zu aktuellen (Jugend-)Protesten hebt die Verbindung von wirtschaftlicher Unsicherheit, mangelnder politischer Repräsentation und Misstrauen gegenüber Eliten und etablierten Parteien hervor.
Ähnliche soziale Probleme können durchaus unterschiedliche Protestbewegungen hervorbringen. In Portugal steht der Wohnungsmarkt besonders im Mittelpunkt, während in Serbien die Forderung nach Verantwortlichkeit und der Kampf gegen die Korruption in der Regierung von Aleksandar Vučić eine zentrale Rolle spielen. Darüber hinaus können ursprünglich studentische Proteste zu breiteren gesellschaftlichen Bewegungen werden. In Frankreich haben sich beispielsweise weitere Beschäftigtengruppen den Protesten angeschlossen. Dann ist es nicht mehr angemessen, ausschließlich von einer Bewegung der Gen-Z zu sprechen.
Wir identifizieren also in europäischen Ländern ähnliche Zukunftsängste, denn Wohnungsnot, wirtschaftliche Unsicherheit auf den Arbeitsmärkten und eingeschränkte Aufstiegschancen treten in mehreren Ländern auf. Dies führt zu einer ähnlichen Mobilisierung, denn digitale Netzwerke erleichtern die schnelle Verbreitung von Protestformen und politischen Botschaften. Darüber hinaus sehen wir ähnliche Repräsentationskonflikte, da ein Teil der jungen Menschen daran zweifelt, dass etablierte Parteien ihre Anliegen angemessen vertreten.
Was bedeutet diese Entwicklung für die europäische Demokratie?
Die Proteste lassen sich aus zwei unterschiedlichen Perspektiven betrachten:
Als Krise politischer Repräsentation und Legitimation: Wenn junge Menschen den Eindruck gewinnen, dass ihre Interessen nicht gehört werden und sich ihre Lebensbedingungen trotz eigener Anstrengungen kaum verbessern, gerät das Vertrauen in etablierte Institutionen unter Druck. Protest kann dann Ausdruck einer tieferen Legitimationskrise sein.
Als Ausdruck demokratischer Beteiligung: Demonstrationen zeigen zugleich, dass junge Menschen bereit sind, sich politisch einzumischen. Sie nutzen öffentliche Räume und digitale Medien, um Forderungen zu artikulieren, Verantwortlichkeit einzufordern und politische Entscheidungen infrage zu stellen.
Für Politik und Gesellschaft ergibt sich daraus eine zentrale Aufgabe: Protest nicht ausschließlich als Störung der öffentlichen Ordnung zu betrachten, sondern auch die zugrundeliegenden Probleme ernst zu nehmen. Dazu gehören der Zugang zu bezahlbarem Wohnraum, gute Bildung, verlässliche berufliche Perspektiven, transparente Entscheidungen und wirksame Beteiligungsmöglichkeiten.
Die Generation Z ist in vielen Fällen ein wichtiger, aber nicht der alleinige Motor, weil junge Menschen besonders unmittelbar mit Fragen nach Bildung, Berufseinstieg, Wohnen und Zukunftschancen konfrontiert sind. Die Proteste gewinnen jedoch häufig erst dann gesellschaftliche Breite, wenn sie Probleme aufgreifen, die auch andere Generationen betreffen. Der tiefere Zusammenhang liegt in einer wachsenden Spannung zwischen den Erwartungen an ein selbstbestimmtes Leben und den tatsächlich wahrgenommenen Möglichkeiten, dieses Leben zu gestalten.
Damit ist die Protestbewegung weit mehr als nur ein Generationenkonflikt. Sie wirft auch eine grundlegende gesellschaftliche Frage auf: Wie glaubwürdig ist das Versprechen einer demokratischen Gesellschaft, dass die nächste Generation bessere oder zumindest faire Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben erhält? An dieser Frage entscheidet sich wesentlich, ob die aktuellen Proteste vorübergehende Mobilisierungen bleiben oder längerfristige Veränderungen in Politik, Bildung, Wirtschaft und gesellschaftlicher Teilhabe anstoßen.
