Politische Bildung zwischen Ohnmacht und Selbstwirksamkeit: Jugendliche in multiplen Krisen

Laureen Hannig

Junge Menschen wachsen heute in einer Welt auf, die von globalen Krisen, bewaffneten Konflikten und massiven gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt ist. In diesem Kontext stellen sie sich zentrale Fragen: Welchen Einfluss habe ich als Einzelne*r, wenn große Politiker, Konzerne und Institutionen die Entscheidungen treffen? Wie kann ich den Klimawandel beeinflussen, wenn die Probleme auf globaler Ebene entstehen? Diese Fragen sind nicht nur theoretischer Natur – sie berühren die Wahrnehmung von politischer Partizipation und die eigene Selbstwirksamkeit. Politische Bildung steht hier vor einer doppelten Herausforderung: Sie soll informieren und Mut machen, gleichzeitig aber auch ernst nehmen, dass Jugendliche sich oft machtlos fühlen.

Grundsätzlich einmal die guten Nachrichten: Empirische Befunde zeigen, dass Jugendliche politisch interessiert sind. Laut der 19. Shell Jugendstudie 2024 bezeichnet sich inzwischen mehr als die Hälfte der Jugendlichen (55 %) als politisch interessiert – ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu Anfang der 2000er Jahre, als dieser Wert noch bei 34 % lag. Mädchen und Jungen unterscheiden sich kaum, Politik ist längst nicht mehr „Männersache“. Auch die persönlichen Haltungen sind überwiegend positiv: 86 % der Jugendlichen glauben, dass eine bessere Welt möglich ist, und 70 % sind überzeugt, dass eigenes Engagement politische und gesellschaftliche Verhältnisse beeinflussen kann. Gleichzeitig fehlt vielen das Vertrauen in die Einsicht anderer – 56 % äußern hier Zweifel.

Neben diesem Interesse stehen jedoch reale Ängste. Im Jahr 2024 nannten 81 % der Jugendlichen die Angst vor Krieg in Europa, 67 % Sorgen um die wirtschaftliche Lage und mögliche Armut an vorderster Stelle. Klimawandel (63 %) und Umweltverschmutzung (64 %) bleiben ebenfalls drängende Themen, wenn auch Umweltängste im Vergleich zu 2019 leicht zurückgegangen sind.

Quelle: Shell Jugendstudie 2024

Ein Begriff, der häufig im Zusammenhang mit multiplen Krisen fällt, ist „Ohnmacht“. Nikolai Huke analysiert politische Ohnmacht als ein „gebrochenes Versprechen“ der Demokratie: Gleichheits- und Partizipationsideale werden nur begrenzt eingelöst. Seine empirische Forschung basiert auf Interviews mit Geflüchteten in Deutschland, die alltägliche Herausforderungen – etwa bürokratische Hürden, Diskursausschlüsse oder strukturelle Benachteiligungen – als Teufelskreise der Handlungsunfähigkeit erleben. Diese Untersuchung ist in postkolonialer Theorie verankert und liefert spannende Einsichten in Mechanismen politischer Ohnmacht, die weit über die untersuchte Gruppe hinausgehen. So lassen sich die Befunde auch auf andere marginalisierte Gruppen übertragen, darunter Jugendliche, die in vielerlei Hinsicht Hürden erfahren, die Erwachsene oft nicht wahrnehmen oder überwinden müssen. Wer sich im Alltag ohnmächtig fühlt, nimmt seltener an politischen Prozessen teil, was die politische Gleichheit verringert und Partizipation insgesamt erschwert. Für die politische Bildungsarbeit bedeutet dies: Ohnmachtsgefühle müssen ernst genommen werden, gleichzeitig müssen Wege aufgezeigt werden, wie junge Menschen Einfluss auf ihre Lebenswelt und die Gesellschaft nehmen können.

Vor diesem Hintergrund muss politische Bildung Jugendliche dort abholen, wo sie stehen. Entscheidend ist, ihre Ängste und Unsicherheiten ernst zu nehmen und gleichzeitig Möglichkeiten der Selbstwirksamkeit sichtbar zu machen. Das kann geschehen, indem Räume geschaffen werden, in denen Jugendliche ihre eigenen Anliegen einbringen, diskutieren und eigene Projekte umsetzen können. Niedrigschwellige Angebote – wie lokale Mitmachaktionen, Jugendforen, digitale Beteiligungsplattformen oder partizipative Workshops – helfen, Zugänge zu öffnen und unterschiedliche Lebenslagen zu berücksichtigen.

Wichtig ist dabei, nicht nur abstraktes Wissen zu vermitteln, sondern praxisnah zu zeigen, wie Einflussnahme funktioniert: Welche Schritte sind nötig, um eine Petition erfolgreich zu starten? Wie kann man in einem Jugendrat konkrete Entscheidungen mitgestalten? Welche Hebel gibt es, um Klimaschutz lokal wirksam zu machen? Auch die Flut negativer Nachrichten kann so reflektiert und bearbeitet werden: Jugendliche lernen, Informationen kritisch einzuordnen, Zusammenhänge zwischen globalen Krisen und lokalem Handeln zu erkennen und selbst aktiv zu werden.

Politische Bildung wird so zu einem Erfahrungsfeld, in dem Engagement greifbar wird: Durch Debatten, Simulationen oder eigene Projekte erleben Jugendliche direkt, dass ihr Handeln Wirkung entfalten kann. Auf diese Weise werden nicht nur Ohnmachtsgefühle abgebaut, sondern konkrete Handlungskompetenzen aufgebaut, die langfristig politische Teilhabe und gesellschaftliche Mitgestaltung ermöglichen.

Jugendliche stehen heute vor der Herausforderung, politische Partizipation in einer komplexen, oft beängstigenden Welt zu erleben. Politische Bildung muss diesen Spannungsbogen aufgreifen: Sie darf die Sorgen und Ohnmachtserfahrungen ernst nehmen, gleichzeitig aber Wege aufzeigen, wie Einflussnahme und Selbstwirksamkeit praktisch erfahren werden können. Erst durch die Verbindung von Wissen, Handlungsmöglichkeiten und erlebbarer Wirksamkeit wird Demokratie für junge Menschen greifbar und lebendig.

Eine persönliche Notiz aus dem GESW: Auch als politische Bildnerin ist es manchmal herausfordernd, den Mut zu behalten – gerade, wenn nach dem Seminarende wieder die nächste politische Eilmeldung auf dem Smartphone blinkt. Gleichzeitig gibt es immer wieder Momente, in denen junge Menschen mit ihren Visionen, Ideen und Lösungsvorschlägen Hoffnung schenken und zeigen, dass Veränderung möglich ist.

Quellen

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