Laureen Hannig
Die neue Mitte-Studie der Universität Bielefeld und der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt ein vielschichtiges Bild: Drei Viertel der Menschen in Deutschland lehnen rechtsextreme Einstellungen ab. Gleichzeitig bleibt ein harter Kern von 3,3 % mit einem klar rechtsextremen Weltbild bestehen. Besonders relevant für die politische Bildungsarbeit ist jedoch der sogenannte Graubereich: Rund 20 % der Befragten äußern sich ambivalent gegenüber rechtsextremen Aussagen – sie lehnen sie nicht klar ab, sondern lassen Spielraum. Diese Offenheit für autoritäre und menschenfeindliche Orientierungen ist eine zentrale Herausforderung für die Demokratie – und für die Bildungsarbeit.
Autoritäre Sehnsüchte und neoliberale Härte
Ein weiteres zentrales Ergebnis: 25 % der Befragten hängen einer libertär-autoritären Ideologie an. Diese vereint neoliberale Leistungsorientierung mit autoritären Gesellschaftsbildern. Diese Gruppe zeigt eine deutlich höhere Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen (13,5 %) und zur Billigung politischer Gewalt (19 %). Das bedeutet auch: Leistungsbotschaften wie „Wer sich nur genug anstrengt, wird am Ende belohnt“ sind nicht harmlos, denn sie prägen Einstellungen und wirken in die Gesellschaft hinein. Genau deshalb braucht es eine Bildungslandschaft, die solche Vorstellungen reflektiert und jungen Menschen alternative Erfahrungen ermöglicht: Räume, in denen nicht Konkurrenz, sondern Zusammenarbeit, Fairness und gegenseitige Unterstützung im Mittelpunkt stehen
Erziehung, Bildung und die Prägung autoritärer Haltungen
Die Studie zeigt auch, wie stark autoritäre Einstellungen mit Erziehung und Bildung zusammenhängen. Menschen, die in ihrer Kindheit stark leistungsorientiert oder autoritär erzogen wurden, neigen deutlich häufiger zu rechtsextremen Weltbildern und verharmlosen den heutigen Rechtsextremismus doppelt so häufig wie andere.
Auch im Bildungsbereich finden autoritäre Vorstellungen Zustimmung: 40,5 % der Befragten befürworten, dass Schulen „Disziplin und Gehorsam“ vermitteln sollen. Am meisten stimmen dem diejenigen zu, für die wirtschaftliche Interessen und finanzieller Nutzen besonders wichtig sind.
Partizipative politische Bildung setzt hier an, indem sie Räume schafft, in denen Jugendliche Demokratie selbst erleben können. Diese Räume sollen frei sein von Druck, Angst und reinem Gehorsam. Stattdessen geht es darum, gemeinsam zu diskutieren, Fragen zu stellen, unterschiedliche Meinungen auszuloten und Entscheidungen miteinander auszuhandeln. Durch partizipative, Gespräche auf Augenhöhe oder kleine Projekte erleben junge Menschen, dass ihre Stimme zählt. So entsteht ein sicherer Lernraum, in dem sie Selbstvertrauen, Respekt und demokratische Haltung entwickeln.
Was bedeutet das für die politische Bildungsarbeit und für das GESW?
Die Mitte-Studie 2025 zeigt: Bildung ist ein zentraler Schutzfaktor gegen Rechtsextremismus. 61 % der Befragten sehen sie als wichtiges Instrument und das zu Recht. Politische Bildung muss jedoch weit über reine Wissensvermittlung hinausgehen. Entscheidend ist, Lern- und Erfahrungsräume zu schaffen, in denen junge Menschen Demokratie praktisch erleben können. Dazu gehören:
- Mündigkeit und Autonomie: Jugendliche sollen ermutigt werden, eigene Positionen zu entwickeln und zu vertreten.
- Selbstwirksamkeit: Sie müssen erfahren, dass ihr Handeln etwas bewirken kann – im Klassenraum, in Projekten und in ihrem Umfeld.
- Demokratieerfahrungen: Beteiligung, Mitbestimmung und das Aushalten unterschiedlicher Meinungen sollten selbstverständlich zum Lernen gehören.
- Politik- und Digitalkompetenz: Gerade in digitalen Räumen brauchen junge Menschen Orientierung, Analysefähigkeit und kritisches Denken, um extremistischen Narrativen entgegenzutreten.
51 % der Befragten sind bereit, sich aktiv für die Demokratie einzusetzen. Das ist ein ermutigendes Zeichen – und zeigt, wie sehr Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, wenn sie Räume dafür bekommen. Für Einrichtungen wie das GESW bedeutet das, Orte zu schaffen, an denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen, einander zuhören, voneinander lernen und sich gegenseitig stärken können.
