Rassismuskritisch – grundsätzliches Denken und Handeln!

Von Dr. Gerhard Schüsselbauer

Das gesellschaftliche Leben und der politische Diskurs werden momentan von einem alles überragenden Thema beherrscht. Doch neben der Bewältigung der Covid-19-Pandemie gibt es noch eine Fülle von gewaltigen Herausforderungen, die die Grundfeste der Demokratie in Deutschland und in Europa erschüttern. Eine sehr grundsätzliche Frage berührt das Selbstverständnis des Menschen im gesellschaftlichen Miteinander, vor allem hinsichtlich der Frage der Gleichberechtigung und Anti-Diskriminierung. Lippenbekenntnisse zu Toleranz und der freiheitlichen Gesellschaftsordnung sind zwar keine Seltenheit, in Wirklichkeit dominiert aber eine stark verkrustete Asymmetrie in der sozialen und sozioökonomischen Hierarchie, wenn es um Herkunft, Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit geht.


Fotorechte: Polina Tankilevitch
(mit freundlicher Genehmigung), lizenzfrei auf https://www.pexels.com/de-de/foto/mann-liebe-menschen-frau-6030263/

Der Alltagsrassismus ist nicht nur ein Phänomen in einem grundsätzlich demokratischen und liberalen Land wie der Bundesrepublik Deutschland, in dem sich die Mehrheit der Menschen zur Tatsache einer multikulturellen Gesellschaft bekennt. In praktisch allen europäischen Ländern stößt man auf krasse Beispiele von rassistischen Entwicklungen. Auch im Sport werden permanent Ausprägungen des Alltagsrassismus heftig diskutiert. Bei deren Bekämpfung geht es vor allem um die Schaffung und Stärkung des kritischen Bewusstseins, wie stark Alltagsrassismus in Wirklichkeit verbreitet ist. Die „weiße“ Mehrheitsgesellschaft hat stets die gesellschaftlich anerkannten Normen verinnerlicht, sodass „weiße“ Menschen sich zumeist gar nicht ihrer Privilegien bewusst sind. Das „Othering“, sozusagen das Wir-Andere-Muster, ist eine sowohl gesellschaftlich als auch individuell eingeübte Verhaltensweise und Konstruktion, die im Menschenbild tief verwurzelt und nur sehr schwer aufzubrechen ist. Damit einhergeht die Frage nach Macht sowie Verteilung und Nutzung aller Arten von Ressourcen im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben (Arbeitswelt, Chancengerechtigkeit, Wohlstandsunterschiede oder Bildungsniveau).

Der im November 2020 verabschiedete Maßnahmenkatalog der Bundesregierung zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus fordert ein gestärktes Bewusstsein für rassistische Tendenzen in der Gesellschaft. Er trägt damit der Einschätzung Rechnung, dass es sich um ein grundlegendes und weit verbreitetes Phänomen handelt und will Maßnahmen politischer Bildung zu Themen wie Islamfeindlichkeit, Antisemitismus oder generell Anti-Schwarzer Rassismus gegenüber allen Menschen anderer als „weißer“ Hautfarbe ergreifen. Eine kritische Auseinandersetzung setzt bei den Entscheidungsträger*innen an und muss sich durch alle Ebenen der politischen Arbeit und Bildung fortsetzen. Es geht vor allem darum, die Ursachen und die Strukturen der Privilegien der „Weißen“ zu erfassen und zu begreifen, um Prozesse anzustoßen, die das Grundverständnis marginalisierten Gruppen gegenüber verändern. Neben dem Verstehen des Problems gehören dazu auch das Zuhören sowie das Eingeständnis eigener Fehler. Rassismuskritisch denken und handeln beginnt ganz am Anfang!

Will man sich intensiv mit dem Thema beschäftigen, dann lohnt auch ein Blick in die deutsche Filmlandschaft. Im Chaos der Corona-Krise und des Niedergangs der Kinolandschaft ist leider die mutige Neuverfilmung des berühmten expressionistischen Großstadtromans „Berlin Alexanderplatz“, in dem der Geflüchtete Afrikaner Francis zum „Deutschen“ Franz wird, untergegangen. Dieser von Burhan Qurbani, einem Sohn afghanischer Migrant*innen, gedrehte Film regt zu einer intensiven Auseinandersetzung mit Fragen der Identität und des „Deutschseins“ an. Was ist „deutsch“ in einer faktisch existierenden multikulturellen Gesellschaft? Will man dieser Frage tiefer nachgehen, dann muss Raum sein für multiple Identitäten genauso wie für das Sichtbarmachen der Diversität. Eine Gesellschaft kann sich nur dann dynamisch weiterentwickeln, wenn sie das kreative und innovative Potenzial der Mitglieder in all ihrer Vielfalt nutzt und nicht in sklerotischen Strukturen verharrt. Die rassismuskritische formale und nonformale Bildung muss sich daher insbesondere mit den Fragen von Chancen- und Bildungsgerechtigkeit sowie dem Zugang zu allen Arten von Ressourcen in einer gesellschaftlichen Ordnung auseinandersetzen.

Literaturhinweis: Was WEISS ich? Rassismuskritisch denken lernen! Eine Kernaufgabe für Gesellschaft und Politische Bildung; https://www.adb.de/jahresthema-2021

Eintrag teilen:
  • Facebook
  • Twitter
  • Google Bookmarks