Erinnerungskultur auf dem Prüfstand: Aufgeschnappt KW 14

[ms] Am vergangenen Wochenende hatten wir im GESW eine deutsch-polnische Begegnung mit Schülerinnen und Schülern aus Wuppertal und Złotów in Hinterpommern. Die Gespräche zwischen Jugendlichen aus den beiden Nachbarländern verdeutlichte einmal mehr die unterschiedlichen Perspektiven auf Geschichte, die kulturelle Identitäten maßgeblich prägen. Es zeigte sich aber auch, dass die Geschichte der Deutschen und Polen nicht ausschließlich die Geschichte einer Feindschaft ist. Am kommenden Mittwoch entscheidet sich die Zukunft eines Ortes der Erinnerung, der beide Länder gleichermaßen berührt: Das neue Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig hofft auf die gerichtliche Bestätigung seiner Unabhängigkeit. Die Diskussion um das Museum fasst unser heutiges #aufgeschnappt zusammen.

Das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig ist ein Projekt der liberalen Regierung unter Donald Tusk und war seit 2008 in Planung. Der Standort Danzig leuchtet nicht nur auf Grund dessen ein, dass dort der Zweite Weltkrieg ausbrach, sondern bezieht auch Danzigs Rolle in der Geschichte des späteren 20. Jahrhunderts ein. Ohne Zweifel gehört die alte Hansestadt zu einem jener Orte, an denen sich europäische Geschichte bis heute besonders lebhaft darstellt. Alle Informationen zur Geschichte des Museums, seinem interaktiven Konzept und seinen Schwerpunkten sind hier auf der Internetseite in polnischer und englischer Sprache nachzulesen.

Im Februar konnte das Museum unter der Leitung von Dr. Paweł Machewicz seine Türen öffnen. Ob die Belegschaft, die an der konzeptionellen Planung und Umsetzung der Ausstellung beteiligt war, überhaupt bis zu diesem Tage angestellt bleiben würde, war lange unklar: Seit die Partei PiS 2015 in Polen an die Macht gekommen ist, ist eine heftige Kontroverse um das Museum entbrannt. Die Schwerpunktsetzung des Museums sieht eine Einbettung der Ereignisse in die europäische Geschichte und insbesondere die Darstellung von Beziehungen zu ostmitteleuropäischen Nachbarn vor. Außerdem werden die Ereignisse aus der Perspektive der Zivilbevölkerung dargestellt und weniger militärgeschichtlich aufbereitet. Der Regierung ist das Konzept nicht patriotisch, nicht heroisch, nicht polnisch genug. Die Pläne aus dem April vergangenen Jahres, das Museum einem Museum an der Westerplatte anzuschließen und im Zuge dessen den gesamten Stab zu entlassen und mit eigenen Historiker*innen zu besetzen, bereitete die Frankfurter Allgemeine Zeitung hier unmittelbar auf.

Nun, nach der Eröffnung, findet sich an gleicher Stelle wieder ein Artikel über das Museum. Die Entwicklung wird darin deutlich – und auch die Tatsache, dass die Eröffnung unter Machewicz zwar Anlass zur Freude gibt, aber die Zukunft der Einrichtung noch lange nicht entschieden ist. Der Versuch, das geplante Westerplatte-Museum mit dem neu eröffneten Museum zusammenzuschließen, ist vorerst gescheitert. Am 5. April steht jedoch die nächste Gerichtsverhandlung aus. Im Gespräch mit der taz äußert sich hierzu Dr. Machewicz als Museumsdirektor. Als Streit zwischen einer europäischen und einer nationalkulturellen Erinnerung ist die Diskussion um das Museum sicherlich von einer Tragweite, die über Danzig weit hinausgeht.

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