Die Donau, die Idee „Europa“ und die Zukunft der EU

Dr. Gerhard Schüsselbauer

„Wir verehren die Quellen großer Flüsse als heilige Stätten. Die plötzliche Entstehung eines gewaltigen Stromes aus dem Unbekannten heraus lässt uns Altäre errichten. Verehrung finden die heißen Quellen, und manchem fließenden Gewässer hat die schattige Lage oder die unergründliche Tiefe Weihe verliehen.“ Seneca

Europa und die Donau – Ideen statt nur Geographie

Zehn Anrainerstaaten hat die Donau – so viele, wie kein anderer Fluss der Erde – und umfasst damit einen einzigartigen Kulturraum in Europa!

Die „Donau“ als bloßen geographischen Begriff im Rahmen der vielschichtigen Diskussion um die Zukunft der EU aufzufassen, ist genauso verengt und irreführend wie „Europa“ als lediglich geographisch festgelegten Kontinent. Denn spätestens seit Herodot ist Europa kein geographischer Begriff, sondern ein Kulturbegriff, eine „Idee“, die ständig neu entdeckt und mit Leben erfüllt werden muss. Noch bis in die römische Antike spielte die Unterscheidung in Erdteile keine nennenswerte Rolle. Erst die „Begründung Europas“ (Ferdinand Seibt) im Mittelalter ebnete den Weg der Vormachtstellung des alten Kontinents, die sich freilich erst in der Neuzeit deutlich herauskristallisierte. Stark relativiert wird diese These durch Peter Frankopan und sein Werk „Licht aus dem Osten“, in dem das Zentrum der Welt von jeher im Nahen und Mittleren Osten verortet wird, ganz zu schweigen von den machtvollen Entwicklungen in China. Nach dem Untergang des Römischen Reiches war Konstantinopel gleichsam die westlichste Stadt der von asiatischen Reichen dominierten Welt.

Unzählige sozial- und geisteswissenschaftliche Publikationen beschäftigen sich mit dem Aufstieg sowie dem Fall europäischer Völker, Länder und Nationen. Europa hat seinen Ort in der Selbstidentifikation und Selbstdefinition derer, die sich Europäer*innen nennen. Zwar gehört zur Selbstdefinition immer auch die Abgrenzung gegen das Andere, weil kein Individuum und kein Volk alles Mögliche gleichzeitig sein kann. Es ist allerdings ein fundamentaler Unterschied, ob die Abgrenzung blinder Selbstüberheblichkeit oder der Dominanz dient oder, was noch schlimmer ist, die Selbstdefinition sich über einen Feind vollzieht. Sie muss das Anderssein anderer Menschen und Völker tolerieren und das kreative Potenzial der Menschen in Kultur- und Wirtschaftsräumen nutzen.

Man könnte sich auch an Heraklits Motive des Fließens, des Flusses, der Dynamik und des ständigen Werdens als Grundlage europäischer Identität erinnern. Identität braucht Erinnerung, die sich vor allem darauf bezieht, was trotz aller Rückschläge und kriegerischen Konflikte gewachsen ist. Der Kontinent Europa war nie statisch, nie fest umrissen, sondern immer dynamisch, stets im Wandel begriffen. Das steht im krassen Gegensatz zu den statischen politischen Systemen platonischer staatsphilosophischer Prägung oder den Heilsversprechungen von Karl Marx, der glaubte, die Richtung der für ihn deterministischen Einbahnstraße in Richtung Kommunismus klar beschreiben zu können. Auch den Donauraum muss man als permanenten Wandel begreifen, er ist kein festes System. Heißt das aber nach den Erfahrungen der letzten mehr als dreißig Jahre nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaftsformen auch, dass es keine Stabilität geben kann?

Während der Rhein jahrhundertelang die umkämpfte Grenze – gleichsam als neuzeitlicher Rubikon – zwischen Franzosen und Deutschen darstellte, war die Donau wie kein zweiter Fluss in Europa ein Symbol für die Teilung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Mehr als drei Jahrzehnte nach den Umbrüchen ist diese Teilung nicht wirklich aufgehoben. Der politischen Konfrontation folgte die sichtbare Asymmetrie im Wohlstandsniveau zwischen den Menschen und zwischen den einzelnen Ländern. Der „Westen“ fürchtet sich heute vor einer unkontrollierbaren Migration, der „Osten“ vor der Wirtschaftsmacht, dem Ausverkauf sowie dem Verlust der neu gewonnenen Souveränität und der nationalen Identität. Die EU darf keine prinzipielle Dekonstruktion des Nationalen sein, wohl aber die Disziplinierung und Einbindung von Nationalstaaten in ein größeres Ganzes, das höheren Zielen dient als nur nationalstaatlichen Eifersüchteleien oder einer asymmetrischen, durch Produktivitätsunterschiede verursachten Wohlstandsmehrung.

Im Zuge der europäischen Integration ist Europa zwar wieder ein Kulturbegriff geworden, aber ein unvollständiger Begriff, denn in der Mitte Europas herrschte lange Zeit ein Vakuum. So konnte auch der Donauraum nie seine Rolle als Zentrum Mittel-, Ostmittel- und Südosteuropas ausfüllen. Zu sehr war die Europäisierung in Wahrheit bis 1989 auf West-, Süd- und Nordeuropa konzentriert. Wenn wir den Blick ins Spätmittelalter richten, dann prägte das Corpus Christianum maßgeblich den Begriff „Europa“. Es handelte sich in der Vorstellung der Menschen um ein romanisch-germanisch-westslawisch-ungarisches Europa. Man muss nicht den Geist des Visegráder Treffens im 14. Jahrhundert heraufbeschwören, aber die Erinnerung daran sollte man wach halten, und unsere Messlatte sollte daran ansetzen. Denn das Zusammentreffen von „Wirtschaftsdelegationen“ aus dem Heiligen Römischen Reich, aus Ungarn und Polen verweist auf die gemeinsamen überregionalen Interessen im geographisch-wirtschaftlichen Großraum zwischen den Karpaten und dem Adriatischen Meer mit der Donau als wichtigstem Handelsweg.

In einer historischen Betrachtung darf man den Europagedanken allerdings nicht zu eng eingrenzen. Erst die Aufklärungstradition bringt uns weiter, wenn man den Einigungsprozess als einen Prozess der Bildung einer offenen, toleranten und europäischen Gesellschaft versteht. Die Staaten, die sich in der europäischen Vereinigung, vielleicht einer Konföderation, zusammenschließen, verlangen voneinander die unumstößliche Anerkennung der Menschen- und Minderheitenrechte, der demokratischen Kultur, der Rechtsstaatlichkeit und einer wettbewerbsorientierten Marktwirtschaft, in der auch Platz für ordnungspolitisch orientierte Sozialpolitik und sozialen Ausgleich sein muss.

Die Geschichte der wirtschaftlichen Beziehungen der Völker im Donauraum, der Fürstentümer, Königreiche sowie der Städte im Mittelalter stellte nie ein statisches System dar, sondern war vom permanenten Wandel und von andauernder Dynamik geprägt. Natürlich diente diese Dynamik nicht immer der Wohlstandsmehrung der Menschen, sondern äußerte sich in blutigen Konflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen über die Jahrhunderte hinweg. Heute aber ist die einmalige Chance gegeben, dauerhaft eine Architektur und Kultur der Stabilität zu etablieren und die Gespenster des Nationalismus und ethno-zentrierten Hasses endgültig zu verscheuchen.

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