Corona-Pandemie in den EU-Ländern in Ostmitteleuropa – was läuft schief?

Dr. Gerhard Schüsselbauer

Die Corona-Lage in Polen, der Tschechischen Republik, der Slowakei und Ungarn hat sich in den vergangenen Wochen und Monaten dramatisch verschlechtert. Derzeit sterben in den Ländern Ostmitteleuropas mehr Menschen an Covid-19 als in fast allen anderen EU-Ländern. In Ungarn mit weniger als zehn Millionen Einwohnern sind täglich mitunter mehr Opfer zu beklagen als in Deutschland mit ca. 83 Millionen Menschen. Besonders ethnisch ausgegrenzte Gruppen wie die Roma sind von der Pandemie massiv betroffen.

Dies hat vielfältige Gründe, wie den schlechten Zugang zum ohnehin schon maroden staatlichen Gesundheitssystem, den allgemein wesentlich schlechteren Gesundheitszustand in diesen Bevölkerungsgruppen, aber auch die weitverbreitete Weigerung vieler Roma, Gesundheitsleistungen in Anspruch zu nehmen oder Impfungen entgegenzunehmen. Zudem haben Menschen aus diesen Gruppen einen viel eingeschränkteren Zugang zum Internet, um sich für Impfungen und Testungen anzumelden. Ungarische Sozialwissenschaftler*innen gehen davon aus, dass sich nur ca. zehn Prozent der Bevölkerung der Roma impfen lassen wollen.

Durch die erste Pandemiewelle sind die betrachteten Länder noch relativ gut gekommen. Jetzt rächen sich nachlässige Öffnungsstrategien und chaotische Verhältnisse im Gesundheitswesen. In allen erwähnten Ländern sind das Gesundheitssystem und die Versorgung mit medizinischen Diensten in den Kliniken sehr schnell an die Kapazitätsgrenze gelangt. Die Covid-19-Pandemie offenbart in geradezu brutaler Art und Weise die sozialpolitischen Fehler der nationalkonservativen Regierungen. Allein Ungarn und Tschechien beklagen Mitte April 2021 bereits jeweils über 24.000 Todesopfer, in Polen sind es über 58.000 und in der Slowakei bei nur 5,5 Millionen Einwohnern mehr als 10.000 Todesfälle. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse legen nahe, dass diese hohen Sterbezahlen auch durch den hohen Alkohol- und Tabakkonsum sowie die weitverbreitete Fettleibigkeit in diesen Ländern verursacht werden, wobei ein eindeutiger Zusammenhang besteht zwischen starkem Übergewicht und der Wahrscheinlichkeit, an einer Covid-19-Erkrankung zu sterben.

Mit aller Macht will sich der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán an die Spitze des Impferfolgs in der EU katapultieren. Natürlich ist das auch politisch motiviert, um sich mit seiner rechtspopulistischen Propaganda von anderen EU-Ländern abzugrenzen. Dafür werden in Ungarn auch Impfstoffe genutzt, die in anderen EU-Ländern (noch) nicht zugelassen sind. Es bestehen nach wie vor erhebliche wissenschaftliche und nicht ideologische Zweifel an der Wirksamkeit von Sputnik V aus Russland und vor allem Sinopharm aus China, das auch von chinesischen Wissenschaftler*innen als möglicherweise wenig effizient eingeschätzt wird.

Sehr beunruhigend ist die Dynamik der Pandemie, denn jetzt landen auf den Intensivstationen, die mit ärztlichem Personal und Pflegekräften chronisch unterversorgt sind, viele Menschen im mittleren Alter, die länger an Corona leiden und die die durchschnittliche Verweildauer auf den Intensivstationen in die Höhe schnellen lassen. Sogar die erst 56 Jahre alte Olympiasiegern Diána Igaly verstarb unlängst an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung. Triage findet in den Kliniken unserer Nachbarländer faktisch statt. Die Versäumnisse der letzten Jahre, und dabei ist es völlig egal, unter welcher Regierung dies geschah, rächen sich nun gewaltig, denn die Personalausstattung aufgrund der massiven Abwanderungen von hochqualifiziertem Fachpersonal ist in einem desolaten Zustand. Auch im relativ gut entwickelten Tschechien beobachtet man diese Situation. Die wenigen tapferen im Gesundheitswesen Fachbeschäftigten kämpfen einen Kampf gegen Windmühlen, die der exorbitante Reformstau permanent antreibt.

Höchst problematisch ist der Umgang der Regierungen in den ostmitteleuropäischen Ländern mit den Medien. Sowohl in Polen als auch Ungarn herrscht mittlerweile von den Regierungsparteien dominiertes Staatsfernsehen. „Illiberale“ Demokratien ohne kritische Einmischung der Medien ist das erklärte Ziel in diesen beiden Ländern. Die Berichterstattung aus Krankenhäusern wurde in Ungarn per Erlass untersagt. Klinikangestellte dürfen nicht mit Medienvertreter*innen sprechen. Sogar die ungarische Ärztekammer Magyar Orvosi Kamara tritt dafür ein, die dramatischen Verhältnisse in den Krankenhäusern einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Auch in Tschechien entspannt sich die Lage in den Kliniken noch nicht, auch wenn das Infektionsgeschehen nun nicht mehr zunimmt. Trotzdem weist Tschechien weltweit die höchste Todesrate in Verbindung mit Covid-19 auf. Nicht einmal in den USA, Brasilien oder Großbritannien ist die Todesrate bezogen auf die Einwohnerzahl so hoch.

Ähnlich wie in anderen Ländern führt die Tatsache, dass immer mehr jüngere Patient*innen längere Zeit intensivmedizinisch behandelt werden müssen, zu einer Auslastung der medizinischen Versorgung an der Kapazitätsgrenze. In der besonders betroffenen Slowakei verursachte die Covid-19-Pandemie ganz nebenbei ein politisches Erdbeben und den Sturz der Regierung von Ex-Ministerpräsident Igor Matović wegen einer eigenmächtigen und nicht abgestimmten Bestellung des Impfstoffs Sputnik V aus Russland. Der neue Ministerpräsident Eduard Heger sieht sich weiterhin gewaltigen Herausforderungen gegenüber. Zwischenzeitlich wurden schwerkranke slowakische Patient*innen zur Behandlung nach Nordrhein-Westfalen ausgeflogen. Europäische Solidarität kann auch sehr unbürokratisch und schnell umgesetzt werden. Bleibt auch für die Länder Ostmitteleuropas wie für andere Länder zu hoffen, dass das effektive Impftempo schnell zu einer Herdenimmunität im Sommer 2021 führt, um den Kollaps in den Kliniken abzuwenden.

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