Welche ökonomische Zukunft für die Zeit nach der Covid-19-Pandemie in Deutschland?

Von Dr. Gerhard Schüsselbauer

Die Covid-19-Pandemie lähmt zwar weiterhin wichtige Teile der wirtschaftlichen Aktivitäten in Deutschland, doch ist das Bild ausgesprochen heterogen. Während das Gast- und Hotelgewerbe, die Tourismus- und Reisebranche sowie Teile des stationären Einzelhandels größtenteils massiv betroffen sind, sind vor allem in der hochproduktiven Industrie ausgezeichnete Kapazitätsauslastungen zu beobachten.

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Die Auto-, Chemie- und Bauindustrie zeigen sich als sehr standhaft gegenüber der Krise. Die Verluste und die befürchtete Welle der Insolvenzen konzentrieren sich auf die oben genannten Wirtschaftssektoren. Daher gehen Wirtschaftswissenschaftler*innen derzeit davon aus, dass wegen der Pandemie und der Einschränkungen etwa drei Prozent der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung wegfielen. Während etwa 85 Prozent der Wirtschaftssektoren (gemessen an der Wertschöpfung) nicht oder nur kaum von der Covid-19-Krise getroffen sind, leiden etwa 15 Prozent unter drastischen Umsatzrückgängen. Auch die Mobilität und der Gütertransport sind in Deutschland in den ersten Monaten des Jahres 2021 kaum im Vergleich zum Vorkrisenniveau zurückgegangen. Dies zeigt eine gewisse gesamtwirtschaftliche Robustheit im Wirtschaftsgeschehen, sodass auch die Arbeitslosenquoten nicht sprunghaft angestiegen sind. Deutlich verringert hat sich in den letzten zwölf Monaten allerdings das geleistete Arbeitsvolumen, zumal sich knapp 3 Mio. Erwerbstätige in Kurzarbeit befinden.

Welche Entwicklungen kann man nach dem Eindämmen der Pandemie erwarten? Erwachsen aus der Krise eine neue Innovationsdynamik und ein Schub für den technologischen, organisatorischen sowie sozialen Fortschritt in der Ökonomie? Berühmt geworden ist der österreichische Ökonom Joseph A. Schumpeter mit seiner Beschreibung des Prozesses der „schöpferischen Zerstörung“, die für den Kapitalismus / die Marktwirtschaft das wesentliche Faktum darstellt. Das Chancenpotenzial, das aus jeder Krise entsteht, besteht in den Innovationen durch die verstärkte Digitalisierung – auch und vor allem in staatlichen und parastaatlichen Institutionen. Die Krise gleicht natürlich einem Trial-and-Error-Prozess beim präskriptiven staatlichen Handeln. Ein genuines Ordnungskonzept ist beim gegenwärtigen staatlichen Handeln der politischen Akteure jedoch nicht erkennbar. Die wichtigste Frage im Rahmen der Fiskalpolitik ist zweifellos die Exit-Strategie aufgrund der exorbitanten Beschleunigung der staatlichen Verschuldung. Schuldenbremse und Konsolidierung der Staatsverschuldung sind Kernelemente einer zukunftsgerichteten, verantwortungsbewussten Wirtschaftspolitik. Leider wird man den Eindruck nicht los, dass momentan vor allem das operative Krisenmanagement im Vordergrund steht, während die Zukunftsgestaltung ein Schattendasein fristet.

Die Innovationsrichtung der Marktwirtschaft droht hinter der „Allmachtsillusion“ staatlicher Prozesspolitik zu verschwinden. Die gegenwärtige Wirtschaftskrise darf nicht zu einer Vertrauenskrise in die marktwirtschaftlichen Kräfte „mutieren“, um in der Sprache der gegenwärtigen Pandemie zu bleiben. Vielmehr gilt es, Innovationsrückstände zu beseitigen und ein Investitionsklima für Zukunftstechnologien zu schaffen. Der natur- und medizinwissenschaftliche Fortschritt ist dabei zweifellos der Schlüssel zur Zukunftsfähigkeit der Marktwirtschaft. Big Data, Künstliche Intelligenz, Augmented Reality, digitale Währungen und Industrierobotik sind nur einige der wichtigsten Schlüsseltechnologien der Gegenwart und der nahen Zukunft. Darüber hinaus betont der Fortschritt in der Medizintechnologie, Pharmaforschung und Bio- und Nanotechnologie die Bedeutung von Medizin, Biologie und IT-basierten Naturwissenschaften im 21. Jahrhundert. Deutschland und die EU sollten hier nicht die Chance verpassen, um wissens- und technologiebasierte Industrien zu fördern und so zu weltweiten Innovationsmotoren zu werden.

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