„The Winner Takes It All“ – Péter Magyar besiegt Viktor Orbán

Dr. Gerhard Schüsselbauer

“Wouldn’t it be good to be on your side? The grass is always greener over there. Wouldn’t it be good if we could live without a care?” (Nik Kershaw)

Ungarn ist für gewöhnlich kein Erdbebengebiet, und Revolutionen finden nur einmal in einem Jahrhundert statt. Am 12. April 2026 kam es jedoch zu einem gewaltigen politischen Erdrutschsieg der Opposition. Auf den Straßen am wunderbaren Donauufer fanden riesige spontane Party statt. Budapest ist sowieso eine echte Partyhochburg in Europa. Nun ist man/frau zweifellos die größte Sorge für die nächsten Jahre los. Aber Vorsicht, Viktor Orbán wird nicht so einfach das Feld räumen und endgültig verschwinden. Ein Comeback plant er ohne Zweifel, gern auch mit Unterstützung mächtiger ausländischer Kräfte aus Moskau oder Washington. Und die europäische Rechte hat ihre große Gallionsfigur zunächst verloren, die immer wieder gebetsmühlenartig vor dem Irrsinn der migrationsfreundlichen Liberalen und des Multikulturalismus gewarnt hat und eine „illiberale“ Demokratie fest etablieren konnte. „Liberal“ wurde in den letzten Jahren zu einem Schimpfwort in der ungarischen Sprache. Die tektonischen Verschiebungen in der Gewaltenteilung zugunsten der Regierung und zuungunsten unabhängiger Gerichte und Medien der letzten 16 Jahre Regierungszeit von Fidesz müssen erst korrigiert werden. Das wird eine lange Zeit in Anspruch nehmen. Mit der historischen Wahrheit und dem Wahlergebnis kommen unweigerlich die Freiheit, Unabhängigkeit sowie die Rechtsstaatlichkeit zurück in Ungarn! Das war auch die Hauptintention 1989/90 nach dem Untergang des Sozialismus.

Péter Magyar konnte in der Tat Viktor Orbán vom Thron stoßen, weil er unermüdlich auch in der ungarischen „Puszta“ Wahlkampf betrieb und selbst mit einem Boot Dörfer erreichte. Magyar, dessen Namen leider kein einziger Reporter oder Nachrichtensprecher in Deutschland richtig aussprechen kann, ist als ehemaliger Fidesz-Politiker ein Insider und wurde als Abtrünniger von den Ultrakonservativen aus der Fidesz-Regierung beschimpft. Aber nun kann die Partei Tisztelet és Szabadság Párt (kurz TISZA, Respekt- und Freiheitspartei) sogar mit einer Zweidrittelmehrheit regieren und schnell den Weg zur weiteren Demokratisierung und Konsolidierung der Gewaltenteilung ebnen. Die Aufwertung des Forint und das Kursfeuerwerk an der Budapester Börse sprechen dafür, dass nun auch wirtschaftspolitisch eine völlig neue marktwirtschaftlich und investorenfreundliche Richtung eingeschlagen wird. Aber es werden die ganz großen sozialpolitischen Herausforderungen und Reformen sein müssen, die eine Verstetigung der Macht von TISZA und Magyar als Ministerpräidenten ermöglichen. Das Bildungs- und Gesundheitswesen, der große Braindrain der letzten Jahre bei schrumpfender Bevölkerung, die Zurückdrängung der Korruption – das sind die großen Zukunftsfragen in Ungarn! Wenn man mit jungen und gut ausgebildeten Menschen in Ungarn spricht, dann sind die „sagenhafte“ Günstlings- und Vetternwirtschaft sowie Vorteilsnahme die große Geißel in der Gesellschaft und haben zu einer ungeheuren Verbitterung geführt. Die meisten Menschen haben erkannt, dass die skrupellose Bereicherung einer politischen Kaste der Fidesz-Treuen der größte Schaden für die ungarische Demokratie ist! Und die Dämonisierung der EU und auch der Ukraine nahm immer groteskere Züge an. Am Ende war Viktor Orbán einfach nur am Ende…

Péter Magyar ist wie Orbán ebenfalls ein konservativer, jedoch viel eher bürgerlich-liberaler Politiker. Daher sollte man nicht naiv glauben, dass bspw. in der Asyl- und Migrationspolitik schnell eine Kehrtwende vollzogen würde. Péter Magyar lebt und verkörpert nach eigenen Aussagen genau die konservativen Werte, die Orbán nur gleichsam wie eine Monstranz vor sich her trägt, aber die Macht auf krasse Art und Weise missbraucht hat. Er ist auf gesellschaftlichen Ausgleich bedacht, will die tiefen Gräben in der Gesellschaft überwinden und vor allem die Europafreundlichkeit der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung wiederbeleben. „Europa“ als Begriff ist in Ungarn ausgesprochen positiv konnotiert, aber „Brüssel und die EU“ wurden jahrelang als ferngesteuerte Monster apostrophiert. Es wird Zeit brauchen, dieses Vertrauen wieder herzustellen.

Under Pressure“ – Wirtschaft in Deutschland heute

„Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt“ (Geier Sturzflug, 1983)

Dr. Gerhard Schüsselbauer

Seit Jahren wird die wirtschaftliche Lage in Deutschland kontrovers diskutiert. Befindet sich das Land zwischen Lähmung, Katharsis und fundamentalen Richtungsentscheidungen im Jahr 2026? Wie steht es um den gegenwärtigen Zustand des größten und einflussreichsten Landes und der größten Volkswirtschaft Europas auch im Vergleich mit anderen EU-Ländern? Werden die gigantischen neuen Staatsschulden, euphemistisch als „Sondervermögen“ tituliert, tatsächlich den produktiven Multiplikatoreffekt bringen, indem vor allem die investive Verwendung dieser zusätzlichen Finanzmittel gestärkt wird?

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„The Times They Are a-Changin’“ – Viktor Orbán versus Péter Magyar

Dr. Gerhard Schüsselbauer

“We would love again | Under glorious suns | With the freedom that comes with the truth”

(Billie Eilish, The End of the World, Coverversion)

Der 15. März ist ein großer Staatsfeiertag in Ungarn und erinnert an die Revolution von 1848, in der der Freiheitskampf (szabadságharc) der aufständischen Ungarn während der Habsburgermonarchie gewaltsam niedergeschlagen wurde. Im kollektiven Gedächtnis geht es an diesem Tag um das Erkämpfen des Rechts gegenüber totalitärer staatlicher Willkür und Unterdrückung. Mit der historischen Wahrheit kommen unweigerlich die Freiheit, Unabhängigkeit sowie die Rechtsstaatlichkeit! Das war zumindest die Hauptintention der aufständischen Helden von 1848.

Doch was ist Wahrheit im gegenwärtigen politischen Diskurs?

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Politische Bildung zwischen Ohnmacht und Selbstwirksamkeit: Jugendliche in multiplen Krisen

Laureen Hannig

Junge Menschen wachsen heute in einer Welt auf, die von globalen Krisen, bewaffneten Konflikten und massiven gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt ist. In diesem Kontext stellen sie sich zentrale Fragen: Welchen Einfluss habe ich als Einzelne*r, wenn große Politiker, Konzerne und Institutionen die Entscheidungen treffen? Wie kann ich den Klimawandel beeinflussen, wenn die Probleme auf globaler Ebene entstehen? Diese Fragen sind nicht nur theoretischer Natur – sie berühren die Wahrnehmung von politischer Partizipation und die eigene Selbstwirksamkeit. Politische Bildung steht hier vor einer doppelten Herausforderung: Sie soll informieren und Mut machen, gleichzeitig aber auch ernst nehmen, dass Jugendliche sich oft machtlos fühlen.

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Wenn Politik zum Spiel wird – und Lernen zum Erlebnis: Planspiele in der politischen Bildung

Laureen Hannig

Lange Inputs, öde Erklärvideos, eintönige Präsentationen – so lassen sich politische Prozesse heutzutage kaum noch erfolgreich vermitteln. Der Lernerfolg bleibt oft begrenzt, weil Inhalte abstrakt bleiben und nur schwer nachvollziehbar sind. Planspiele bieten hier einen anderen Zugang, der das Verständnis politischer Abläufe spürbar vertieft. Ein Beispiel aus der Praxis im GESW ist das Planspiel zur Bundestagswahl, das neben weiteren europäischen Planspielen durchgeführt wird. Dabei erleben die Teilnehmenden nicht nur den Wahlkampf, sondern auch die Bildung einer Regierungskoalition zwischen den verschiedenen Parteien. Gleichzeitig ist die Opposition gefordert, ihre Kontrollfunktion aktiv auszuüben, wodurch politische Dynamiken direkt erfahrbar werden.

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Mitte-Studie 2025: Rechtsextremismus, Demokratie und die Verantwortung politischer Bildung

Laureen Hannig

Die neue Mitte-Studie der Universität Bielefeld und der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt ein vielschichtiges Bild: Drei Viertel der Menschen in Deutschland lehnen rechtsextreme Einstellungen ab. Gleichzeitig bleibt ein harter Kern von 3,3 % mit einem klar rechtsextremen Weltbild bestehen. Besonders relevant für die politische Bildungsarbeit ist jedoch der sogenannte Graubereich: Rund 20 % der Befragten äußern sich ambivalent gegenüber rechtsextremen Aussagen – sie lehnen sie nicht klar ab, sondern lassen Spielraum. Diese Offenheit für autoritäre und menschenfeindliche Orientierungen ist eine zentrale Herausforderung für die Demokratie – und für die Bildungsarbeit.

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Erfolgreicher Peacemaker und Geldeintreiber?

Dr. Zbigniew Wilkiewicz

Nicht erst seit dem gestrigen skandalträchtigen Auftritt von US-Präsident Trump und seinem Adlatus JD Vance verstärkt sich überall in der Welt der Eindruck, dass die aktuelle amerikanische Administration nicht nur die demokratischen Institutionen in den USA schleift und sämtliche staatliche Strukturen zertrümmert, sondern dass ihre Protagonisten – eine kleine Gruppe von steinreichen Oligarchen – in ureigenstem Wirtschaftsinteresse bemüht sind, die bisherige regelbasierte Weltordnung zu zerstören.

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Quo vadis Europa?

Dr. Zbigniew Wilkiewicz

Wenn der polnische Ministerpräsident Donald Tusk aus Anlass der Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft durch Polen am 22.01.2025 in seiner Ansprache vor dem Europäischem Parlament in Anspielung auf die erste Zeile der polnischen Nationalhymne formulierte, dass „Europa nicht verloren sei, so lange wir leben“ und etwas später hervorhob, dass „Europa groß war, groß ist und groß sein wird“, dann war das auch eine Reaktion auf das MAGA-Projekt Donald Trumps, das sich nach dem am 20. Januar erfolgten Amtsantritt des neuen alten Präsidenten der USA nun drastisch zu realisieren beginnt und die Weltöffentlichkeit fast tagtäglich mit schockierenden Neuigkeiten überzieht.

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Autokratische Zeitenwende?

Dr. Zbigniew Wilkiewicz

Betrachtet man sich die grotesk anmutenden Jubelszenen Donald Trumps und Elon Musks nach dem überwältigenden Wahlerfolg der Republikaner in den USA, der weder weltweit noch in den Vereinigten Staaten so erwartet wurde, so muss man nüchtern konstatieren, dass sich nun auch in den USA ein autokratisch gesinnter und handelnder Führer durchgesetzt hat, der in Zukunft mit einer außerordentlichen Machtfülle ausgestattet sein wird. Allerdings ist der Wiedergänger Trump von einer überwältigenden Mehrheit der Amerikaner/innen demokratisch gewählt worden und verfügt auch im Repräsentantenhaus über eine satte Mehrheit. Im Unterschied zu den beiden anderen starken Männern mit Weltmachtanspruch in Russland und China, die schon etwas länger selbstherrlich herrschen und sich keinen echten demokratischen Wahlen stellen mussten. Trump ist von einer Riege steinreicher erzkonservativer Unterstützer umgeben, die sich allesamt dem MAGA-Projekt verschrieben haben und behaupten, Amerika wieder groß machen zu wollen.

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Wohin driftet Europa?

Dr. Zbigniew Wilkiewicz

Wenn man den Aussagen führender Vertreter der Europäischen Union Glauben schenken möchte, steht die EU relativ geschlossen da: die Absichtserklärungen im Hinblick auf die Unterstützung der Ukraine (so lange wie nötig) und die Vorbereitungen hinsichtlich einer Auseinandersetzung mit der drohenden Hochzollpolitik von Trump sind angeblich schon weitgehend fortgeschritten und man versichert sich gegenseitig Unterstützung und Solidarität.

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