Wahlkampf zum Lachen: Aufgeschnappt KW 26

[mg] Im Rahmen der Parlamentswahlen im Vereinigten Königreich waren in den Medien einige Gestalten zu entdecken, die zwischen den Anzugträgern und Kostümträgerinnen ungewöhnlich stark hervorstachen. Im Wahlkreis Maidenhead standen neben der Sesamstraßenfigur Elmo auch ein Herr im weißen Anzug, dekoriert mit bunten Orden und einem ungewöhnlichen Hut, sowie eine in schwarz gekleidete Figur mit einer zylinderförmigen Maske, die an Darth Vader erinnerte, entspannt auf der Bühne – nur wenige Meter von Theresa May entfernt. Was hat es auf sich mit diesen skurrilen Erscheinungen?

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Hinter Elmo verbirgt sich Bobby Smith, ein Aktivist für Väterrechte und Vertreter der so genannten Give me back Elmo Party. Der hochdekorierte Cowboy ist Howling Laud Hope, Spitzenkandidat der Official Monster Raving Loony Party. Die schwarze Gestalt nennt sich Lord Buckethead und tritt für die Partei The Gremloids an. Bei allen drei Parteien handelt es sich um Projekte der Politsatire, deren gewähltes Erscheinungsbild tief in der britischen Populärkultur verankert ist. Ihre Vertreter*innen parodieren mithin nicht nur durch ihr Auftreten, sondern auch mit ihren Forderungen den Politbetrieb. So fordert die Official Monster Raving Loony Party in ihrem Wahlmanifest unter dem Punkt „Umwelt“, die drei Löwen im Wappen Englands durch drei Dachse zu ersetzen, weil dies häufiger in der Landschaft Großbritanniens anzutreffen seien. Zu den schönsten Wahalversprechen Lord Bucketheads gehört indes die Verstaatlichung von Adele.

Satireparteien sind nicht erst seit Beginn des neuen Jahrtausends Bestandteil des demokratischen Diskurses. Jaroslav Hašek, der Schöpfer des braven Soldaten Schwejk, gründete etwa bereits 1911 in der Tschechoslowakei die Partei für gemäßigten Fortschritt in den Schranken der Gesetze, die mit ebenso absurden Forderungen den Wahlkampf um das österreichische Abgeordenetenhaus aufmischte. Eine Satire Hašeks über sich selbst als unfehlbaren politischen Führer ist hier nachzulesen und gewährt einen unterhaltsamen Einblick in die Form der politischen Parodie.

In verschiedenen Ländern Ostmitteleuropas waren zu unterschiedlichen Zeiten außerdem Parteien aktiv, die sich dem Trinken von Bier verschrieben. Dazu gehörte in Deutschland die Deutsche Biertrinker Union, in Polen die Polnische Partei der Bierfreunde, die Partei der Bierfreunde in Tschechien und ihre Pendants in der Ukraine, Weißrussland und Russland. Die politischen Inhalte dieser Parteien reichten von reiner Unterhaltung über Fragen des Reinheitsgebots bis hin zur Bekämpfung von Alkoholismus. Daran zeigt sich bereits, dass auch bei den so genannten „Spaßparteien“ mitunter ernsthafte Anliegen unter einer absurden Oberfläche verborgen sein können. Dies äußert sich nicht zuletzt dann, wenn ihren Vertreter*innen tatsächlich Machtpositionen zukommen.

Beispiel für eine durchaus einflussreiche Satirepartei ist in der Bundesrepublik etwa Die PARTEI. Als diese 2014 bei der Europawahl einen Sitz im Europäischen Parlament ergatterte, wurde dies von den Medien mit amüsierter Überraschung aufgenommen. Zwar machte Die PARTEI Wahlkampf mit dem paradoxalen Claim „JA zu Europa, NEIN zu Europa“, in der parlamentarischen Arbeit des Abgeordneten Martin Sonneborn zeigen sich jedoch durchaus ernstzunehmende, pro-europäische Positionen. In einer Rede vor dem Parlament im vergangenen September sprach sich Sonneborn – bei aller satirischen Form – etwa für Steuernachzahlungen von Apple in Irland und für die Abschaffung der Roaming-Gebühren in der EU aus.

Zur formalen Analyse von Politsatire und zum Vergleich mit der Realpolitik eignet sich überdies besonders das Manifest der Organisation Front deutscher Äpfel. Hierbei handelt es sich nicht um eine Partei, sondern um eine unabhängige Bewegung, die rechtsextreme Parteien und Organisationen parodiert. Dazu bedient sie sich plakativer Symbolik, etwa der Frakturschrift und rot-weiß-schwarzer Farbsymbolik. Das Manifest kreist um den Begriff der Nation, führt das Prinzip des Nationalismus aber durch rhetorische Mittel ad absurdum. Besonders auffällig sind tautologische Nullsätze wie „Nationen ohne Kern sind kernlose Nationen“ und Paradoxien wie „Die Fronten sind einzigartig, so wie alle Fronten!“

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